hauptmotiv

BALAK

Wenig hat sich verändert

Auslegung von Rabbiner Rothschild

Die Geschichte von Bileam und seiner Eselin ist bekannt – eine Satire gegen sogenannte ‚Hellseher‘, die eigentlich nichts sehen können mit Gegensatz zu ihren eigenen Lasttieren. Der Kontext aber ist ernst. Balak, der König von Moab, hat Angst. Und zu Recht. Er hat gerade gesehen (4. Mose Kapitel 22; Verse 2 und 3), was mit seinen Nachbarn, den Emoritern, passiert ist, welche Niederlage sie erleiden mussten. Jetzt ziehen die Israeliten heran – und er als König muss sein Land und sein Volk, seine Untertanen schützen, seine Grenze verteidigen, muss sich gegen diese Bedrohung wehren.
Es ist sicher nicht einfach, ein König zu sein. Alle erwarten von ihm, dass er immer weiß, was zu tun ist. Sichon, König der Emoriter, weigerte sich, den Israeliten ein ‚Transit-Visum‘ durch sein Land zu geben (Kapitel 21 Verse 21 bis 23) – aber anstelle zu verschwinden, sind die Israeliten gekommen, und haben die Emoriter besiegt und geschlagen. (Aber bevor wir zu viel Mitleid mit Sichon bekommen – es steht auch im Vers 26, dass er selbst gegen den früheren König Moabs Krieg geführt und ein Großteil des Landes der Ammoniter eingenommen und besetzt hatte. Das heißt, die Grenzen waren immer in Bewegung , und es gab keine Freundschaft zwischen den Nachbarländern, zwischen Moabitern und Emoritern. Nichts Neues unter die Sonne, eh?)
Und nachdem die letzten Emoriter in Ja’aser besiegt worden waren, und die Israeliten auch noch Ig, den König von Bashan besiegt hatten, wurde es König Balak klar, dass er jetzt ein neues, ernsthaftes Problem an seinen Landesgrenzen hatte.
Was tun? Zunächst versuchte er, ein Bündnis mit den Midianitern zu schließen (22:4). Allein hätte keiner eine Chance, man musste mit anderen zusammen arbeiten. Und dann suchte er einen Berater aus, einen bekannten, sogar berühmten Gutachter, einen dieser Leute, von denen keiner genau weiß, was sie tun, die aber merkwürdigerweise dabei immer ziemlich gut verdienen. Kein Kämpfer, kein Söldner, sondern ein Stratege, einer der allein durch einen Fluch, einzig durch einige Wörter den kommenden Krieg beeinflussen könnte, um das Blatt zu wenden.
Wie wir wissen, war es nicht so einfach. Der Zauberer Bileam weigerte sich zunächst zu kommen – ob dies ein Teil seiner Verhandlungsstrategie war, oder ob er wirklich überzeugt war, in diesem Fall nichts tun zu können? Hatte Gott ihm nicht gesagt (Kapitel 22, Vers 12): „Geh nicht mit! Du darfst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet!“ Doch schließlich sagte er zu und kam – auf seiner Eselin reitend – zu Balak. Warum? Wollte er zumindest einen Gewinn machen, ein saftiges Honorar verlangen, auch wenn er nichts liefern konnte?
König Balak dachte nun, mit Bileam dem Wahrsagen die entscheidende Geheimwaffe zu haben. Was er nicht verstand, war – dass die Israeliten auch eine geheime Waffe hatte, und zwar Gott. DEN Gott, nicht nur EINEN Gott. Der Krieg war verloren, bevor er begonnen hatte.
Können wir etwas daraus lernen – über die Rolle von Beratern und Analytikern, von Strategen und Militärhistorikern, Diplomaten und anderen? Gibt es Kriege, die man nicht vermeiden kann, weil ein Konflikt vorprogrammiert ist? Das wäre vielleicht deprimierend – aber zugleich realistisch. Und wenn es so ist: Steht Gott dann wirklich auf der Seite einer Partei und nicht der anderen? Kann man das erkennen? Und welchen Einfluss sollen solche Erkenntnisse haben?
Ich gebe zu: Ich habe keine Antwort. Ich bin kein Wahrsager, kein Hellseher, kein Zauberer – und hoffentlich auch kein Esel. Ich lese diese uralten Texte und frage mich, was ICH daraus lernen kann – wie Völker und Armeen, Generäle und Könige tanzen und spielen und streiten und sterben. Sicher ist nur – es hat sich nur wenig in den letzten drei Tausend Jahren geändert. Nur sehr wenig …

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 06.07.2012.

11.07.2014 Artikelarchiv >>
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