hauptmotiv

NOAH

Sieben Gesetze

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Im Gespräch mit Christen tue ich mich immer schwer mit den Begriffen „Alter Bund“ für die Juden und „Neuer Bund“ für die Christen. Denn nach jüdischer Auffassung hat Gott nicht nur einen sondern viele Bünde geschlossen. Den ersten mit Adam, den zweiten mit Noah, den dritten mit Abraham. Dann erst kam der Bundesschluss mit dem Volk Israel am Berg Sinai. Dies waren aber nur die ersten Bundesschlüsse – es folgten weitere im Verlauf der Bibel.

Für das Verhältnis der Juden zu den anderen Menschen ist es wichtig zu wissen, dass man nicht Jude werden muss, um mit Gott verbunden zu sein. Nach der Sintflut schloss Gott seinen Bund mit Noah – dem übrig gebliebenen Menschen und somit dem Vater der Menschheit. In diesem Bund Gottes mit Noah sind also alle Menschen eingeschlossen. Und in ihm liegt auch eine tiefe Beziehung zwischen Juden und Nicht-Juden.

Aus dem Bund mit Noah leiten die Rabbinen im Talmud die so genannten „Sieben noachidischen Gesetze“ ab (TB Sanhedrin 56b). Sie sind ein ethischer Mindeststandard. Wer sich an diese Gesetze hält, hat nach jüdischer Auffassung ein Anrecht auf einen Anteil an der „kommenden Welt“ – egal ob man Jude ist oder nicht. Die „Sieben noachidischen Gesetze“ sind so etwas wie eine verkürzte Version der Zehn Gebote – ohne die jüdischen Elemente: insbesondere ohne den Schabbat. Sie umfassen im Einzelnen:
- das Gebot, sich ein geltendes, für alle transparentes Rechtswesen zu schaffen,
sowie die Verbote:
- Gott zu lästern,
- des Götzendienstes,
- der Unzucht,
- des Mordes,
- des Raubes und
- der Tierquälerei.

Es ist interessant, dass die Liste nicht damit anfängt, den Gott der Israeliten anzuerkennen, sondern sich ein transparentes und für alle verbindliches Rechtswesen zu geben. Dahinter steht der Gedanke, dass die Herrschaft des Rechts von sich aus zu einer monotheistischen Ethik führt. Wie diese gesellschaftspolitisch ausgestaltet wird, ist die Sache des jeweiligen Volkes. Aber eine logische Folge dieses ersten Gebotes ist das Verbot, den Einen Gott, auf den die monotheistische Ethik zurückgeht, gering zu schätzen und zu lästern.

Die Gleichheit der Menschen vor dieser Einen Macht, dem einzigen Gott, spiegelt sich in dem säkularen Prinzip der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz wider. Dem gegenüber steht das polytheistische Weltbild der vielen Götter – der vielen Mächte. In diesem Weltbild gibt es keine Gleichheit vor dem Gesetz sondern eine Hierarchie der Mächte, mit einer obersten Macht, meist dem Potentaten. Für ihn gilt das Vorrecht des Stärkeren, für ihn sind Gottesslästerung, Unzucht, Raub und Mord keine zwangsläufigen Verbote.

Beide Möglichkeiten – Monotheismus oder Polytheismus – sind in ihren säkularen Erscheinungen stets gleichzeitig gegeben. Welche die Oberhand bekommt, liegt in der Entscheidung der Menschen. Ich weiß deshalb nicht, ob die Begriffe „Alter Bund“ für die Juden und „Neuer Bund“ für die Christen weiterhelfen. Der ganz alte Bund zwischen Gott und Noah – also allen Menschen steht jedenfalls tagtäglich auf dem Spiel und muss immer wieder neu in Kraft gesetzt werden.



27.10.2017 Artikelarchiv >>
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