hauptmotiv

NASSO

Askese ist kein Ideal

Auslegung von Rabbiner Lengyel


Der heutige Wochenabschnitt aus dem Vierten Buch Moses, Bamidbar trägt den Namen: Nasso. Wie das häufig der Fall ist, ist die treffende Übersetzung nicht einfach. Man könnte sagen: Trage, Erhebe oder nimm mit.
Zunächst wird viel über die Heiligkeit gesprochen, zum Beispiel ist die Rede von Personen, die aufgrund ritueller Unreinheit von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, oder von Priestern, die eine Gabe von einem geständigen Dieb erhalten.

Was ist der rote Faden zwischen den vielen Geboten?
Für einen gläubigen Menschen die Bedeutung, dass der Ewige eine rituell reine Gesellschaft fordert.

Ein weiteres Thema in unserem Wochenabschnitt, Parascha ist die Enthaltsamkeit. Die Person, die sich zur Enthaltsamkeit verpflichtet, nennt man Nazir. Woraus besteht die Enthaltsamkeit in der Tora? Der Nasir darf z.B. keinen Alkohol trinken und sich nicht die Haare schneiden.

Die Dauer eines Nezirut, also einer Enthaltsamkeit, variierte. Sie kann eine begrenzte Zeit dauern, wobei die Rabbinen als Minimum dreißig Tage setzten. Die Rabbinen standen aber kritisch zu dieser Tradition.

Selbst der ultaorthodoxe Rabbiner im 18. Jahrhundert, Ktav Sofer schrieb: „Wenn jemand fastet und keinen spirituellen Fortschritt macht, oder wenn das Fasten keine tiefere Wirkung auf ihn hat, so hat er sich selbst umsonst gequält. Dasselbe gilt für andere Formen der Enthaltsamkeit.“

Ich möchte einen Schritt weitergehen, denn das Judentum setzt sich für die Heiligung des Lebens ein, für die Freude im Leben. Das Judentum will nicht die Einheit von Geist und Körper aufheben. So entstand der jüdische Begriff der Freude am Gebot.
Es ist richtig, dass jüdische Quellen viele Überlieferungen über asketische Strömungen im Mittelalter zeigen, diese konnten sich aber nicht durchsetzen. Durchgesetzt hat sich dagegen die chassidische Strömung, die das Prinzip der Freude betont in allen Taten, die wir im traditionellen Sinne ausüben.

Als einen der wichtigsten Inhalte des Wochenabschnittes betrachte ich den kohanitischen, d.h.  priesterlichen Segen.

Wir lesen im Kapitel 6 einen für Juden und Christen nicht ganz unbekannten Text:
„Der Ewige segne dich und behüte dich.
Der Ewige lasse sein Antlitz dir leuchten und sei dir gnädig.
Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.“

Wie aber wird der Priestersegen, der Segen der Kohanim, ausgeführt?

In allen traditionellen Gemeinden der Welt werden die Leviten, die in der Zeit des  Jerusalemer Tempels Hilfsdienste im Tempel ausgeführt haben, aufgerufen, um die Hände der Kohanim zu waschen. Ich als Kind in Budapest habe das auch getan.

Die Kohanim wissen heute noch, dass sie einer Priesterfamilie zugehören (die Familiennamen, Katz, Kahn, Kohn deuten darauf hin), und sie sind die Vertreter Israels aus der Nachkommenschaft Aarons, und sie segnen die Gemeinde. Ich erwähne das, weil die Lehre des Reformjudentums zu dieser Frage der Abstammungen skeptisch steht.  

Sie, also die Kohanim, erheben ihre Hände in die Höhe des Kopfes, Ihr Kopf wird durch den Talit (den Gebetsmantel) verhüllt. Die Hände sind gespreizt, diese Spreizung symbolisiert u.a. die Buchstaben Schin, welche das hebräische Wort Schadai (Gott) wiederum symbolisieren. Die Priester, die Kohanim, sehen sich also als Vermittler für das Segenswort.
Keiner aus der Gemeinde sollte hinblicken, wenn die Kohanim ihre Aufgabe erfüllen, viele schließen ihre Augen und nehmen die Segensworte in sich auf, mit voller Konzentration und mit dem heißen Wunsch auf Erhörung. „Der Ewige segne dich und behüte dich …“.

Shabbat Shalom!  

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 2.6.2012.

05.06.2014 Artikelarchiv >>
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