hauptmotiv

KEDOSCHIM

Was bedeutet "heilig"?

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Heilig sollt ihr sein – das sagt Gott zu Moses am Anfang des heutigen Wochenabschnitts. Er heißt Kedoschim – von kadosch – „heilig“ im Plural, und er beginnt im Dritten Buch Mose mit Kapitel 19. Wir sind hier in der Mitte der Tora. Der sogenannte „Priesterkodex“ mit den Vorschriften für den priesterlichen Kult geht an dieser Stelle über in den „Heiligkeitskodex“. Hier geht es nicht um eine priesterliche Elite, sondern um die ganze Bevölkerung. Die ersten Worte des Abschnitts lauten:
„Und der Ewige sprach zu Mose: Sprich zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israels und sage ihnen: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott“. (19:1-2)

Es fällt auf, dass die Forderung im Futur ausgedrückt ist. „Heilig sollt ihr sein“ – was man aus dem Hebräischen auch als „Heilig werdet ihr sein“ übersetzen kann. Die damaligen Angesprochenen wie auch wir heutigen Leser sind nicht schon heilig, sondern wir sollen es werden. Darin liegt die ganze Zukunftsgewandtheit des Judentums.
Auf die Forderung folgen Listen von Gesetzen, in denen die Zehn Gebote anklingen:
„Vor Vater und Mutter soll ein jeder von euch Ehrfurcht haben, und meine Sabbate sollt ihr beobachten; ich bin der Ewige, euer Gott! Ihr sollt euch nicht den Götzen zuwenden, und gegossene Götter sollt ihr euch nicht machen; ich bin der Ewige, euer Gott.“ (19:3-5)
Weiter geht es mit kultischen Gesetzen – wie die Opfer darzubringen sind. Mit sozialen Gesetzen - wie zur Zeit der Ernte die Ecken der Felder für die Armen übriggelassen werden und auch keine Nachlese gehalten wird. Mit Strafgesetzen gegen Diebstahl, Verleumdung, Meineid und Raub. Mit Arbeitsrecht und vielen Rechtsgrundlagen, die unsere Rechtsvorstellungen bis in die heutige Zeit prägen.

Auch wenn es in der archaischen Sprache eines anderen Zeitalters formuliert ist, ist alles auch heute grundsätzlich zu bejahen. Aber ist es das, was uns heilig macht?

Wir sind hier nicht nur in der Mitte der Tora, sondern im tiefsten Verständnis der jüdischen Auffassung von der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Vor wenigen Tagen haben wir Pessach, den Aufbruch in die Freiheit gefeiert. Die Stellen die das Pessach-Ritual beschreiben verbinden es mit der Forderung: Heilige mir alle Erstgeburt.
„Heilige mir alles Erstgeborene, alles, was bei den Kindern Israels zuerst aus dem Mutterschoße komme, es sei Mensch oder Tier, mein ist es.“ (Ex. 13:22)
Und jetzt – eine Woche nach Pessach wieder: Heilig sollt ihr sein.

Unter „heilig“ wird meist „abgesondert“ verstanden. Wie falsch diese Vorstellung in Bezug auf die jüdische Auffassung von „heilig“ ist, zeigt sich, wie etwa mit der Torarolle im Gottesdienst umgegangen wird. Sie symbolisiert ein Allerheiligstes. Aber deswegen würden die Menschen nicht auf Abstand zu ihr gehen. Im Gegenteil – alles strebt der Tora zu – sie wird durch die Menge getragen, die Leute fassen sie an, küssen sie mit dem Gebetsschal, sie wird auf das Podest gelegt, aufgerollt und bildet nunmehr eine Mitte, über der gebeugt die lesenden Personen mit dem Zeiger die Mitte des Textes berühren.

Etwas zu „heiligen“ – jüdisch verstanden - heißt, es im Rahmen der Beziehung zwischen Gott und Mensch zu gebrauchen, es anzuwenden, etwas Konkretes damit zu machen. Deswegen weist der Heiligkeitskodex nicht in eine abstrakte, metaphysische und entkörperlichte Vorstellung von Heiligkeit, sondern in die ganz konkrete Materialität des Lebens. Der Heiligkeitskodex enthält lange Listen von Gesetzen, wie sich die damaligen Menschen in ihrem materiellen und körperlichen Leben am besten untereinander verhalten sollten und sich damit auf einen Weg in Richtung Heiligkeit bringen. Ich finde diesen Gedanken ungeheuer spannend auch in Bezug auf unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Ethik. Folgt man der Tora geht es nicht nur um Gerechtigkeit und Wohlfahrt – es geht auch um die Verwirklichung von Heiligkeit – jedoch keiner abgesonderten, entrückten Heiligkeit – sondern einer, die sich inmitten des Lebens verwirklicht.

20.05.2016 Artikelarchiv >>
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