hauptmotiv

SCHABBAT CHOL HAMOED

Nähe und Distanz G'ttes

Der Ewige bezeichnet Israel als Sein Volk – wenn es Bedingungen erfüllt

Auslegung von Rabbiner Simon

Pessach erinnert an den Auszug aus Ägypten. Gingen mit Ja’akovs Familie nur etwa 70 Menschen nach Ägypten, waren es beim Auszug schon etwa 600.000 Leute. Erst durch die Befreiung aus der Sklaverei wurden wir zu einem Volk, liest man oft in der einschlägigen Literatur – zu einem Volk, das G’tt sich erwählt hat, heißt es bei den Rabbinen. Doch ist dies wirklich so?

Im 2. Buch Moses, Kapitel 3 finden wir einen Ausspruch G’ttes: »Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen« (Vers 7). Es ist also Sein Volk. Dies ist G’tt sogar bereit, öffentlich zu bezeugen. So sagt er, Mosche solle dem Pharao ausrichten: »Lass mein Volk ziehen« (8,16). Ein eindeutiges Bekenntnis des Erwählers einem Fremden gegenüber – was kann man sich mehr wünschen?

Doch in dem Abschnitt, den wir am Schabat Chol haMoed Pessach aus der Tora lesen, klingt diese öffentliche Erwählung plötzlich gar nicht mehr so sicher. G’tt sagt zu Mosche: »Führe das Volk hinauf« (33,12). Warum sagt Er »das Volk« und nicht »mein Volk«? Kurz darauf wird die Distanz zwischen G’tt und Volk noch größer, als Er zu Mosche sagt: »Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun« (34,10). Von G’ttes Volk zu Mosches Volk – was ist plötzlich geschehen?

VERSPRECHEN

Avraham, Jitzchak und Ja’akov haben von G’tt das Versprechen bekommen, zu einem großen Volk gemacht zu werden. In Ägypten bekennt sich der Ewige zu den Nachkommen dieser drei Männer als »Seinem Volk« und befreit sie aus der Sklaverei. Er teilt für sie das Schilfmeer, lässt Wachteln und Manna vom Himmel fallen, steht ihnen im Kampf gegen die Amalekiter bei. Und das Volk bastelt sich ein goldenes Kalb, nennt es »Gott« und betet es an!

Von diesem Augenblick an redet G’tt nicht mehr von »meinem Volk«. Er sagt zu Mosche nun: »Sprich zu den Kindern Israels«, wer eine bestimmte Übertretung der Gebote begangen hat, »soll aus seinem Volk ausgerottet werden«. Oder er sagt: »das Volk, das du, Mosche, aus Ägypten geführt hast«.

Haben wir es uns mit unserem G’tt verscherzt? Nicht ganz, Er lässt uns nicht im Stich. Er hält seinen Teil des Bundes, den Er mit unseren Vätern geschlossen hat, bringt uns in das Land, das uns versprochen wurde, steht uns in den Kriegen bei, die wir auszufechten hatten, und versorgt uns reichlich mit Nahrung, Milch und Honig, und das, obwohl wir unseren Teil des Bundes nicht gehalten haben.

GEDULD

In unserem Toratext lesen wir, wie Mosche G’tt anspricht, als Er sich ihm zeigt: »El Rachum weChanun, erech Apajim« – »barmherzig und gnädig und geduldig« (34,6). Diese Geduld G’ttes, auf Hebräisch wörtlich »langer Atem«, zeigt sich im Tanach. Nach der Sünde des goldenen Kalbs muss das Volk sich bewähren. Es bekommt als Auflage eine nicht zu verachtende Zahl von Geboten und Verboten. Es sind Regeln, wie wir uns gegenüber G’tt und unseren Mitmenschen zu verhalten haben.

Lange, sehr lange, kümmerte uns das nicht. Wir nahmen das Land ein, verteilten es unter den Stämmen, bauten uns Häuser und Städte. Wir setzten Richter ein, die als Volksführer dienten, aber überzeugt von unserer Lauterkeit haben wir G’tt nicht. »Zu der Zeit war kein König in Israel, jeder tat, was ihm ihn seinen Augen recht war«, lesen wir im letzten Vers des Buches der Richter (21,25).

Erst als der Prophet Schmuel vom Volk um einen König gebeten wird, und auf G’ttes Geheiß hin Schaul zum ersten jüdischen König salben soll, sagt der Ewige zu ihm: »Den sollst du zum Oberhaupt über mein Volk salben, damit er mein Volk aus der Hand der Plischtim errette« (1. Schmuel 9,16). Endlich! Wir sind wieder offiziell G’ttes Volk.

WEGWEISER

Was war geschehen? Wir haben eingesehen, dass wir G’ttes Tora bedürfen, wir brauchen diesen Wegweiser, sowohl als Gemeinschaft als auch als Individuen. Zwar ist das Königtum nicht die Ideallösung gewesen, aber anscheinend doch ein Schritt in die richtige Richtung, zurück zur Tora. Angewiesen auf einen König sind wir jedoch nicht, wie es in Pirkej Avot, den Sprüchen der Väter, heißt: »Größer ist die Tora als Priester- und Königtum« (6,6).

Der Ewige lässt uns nicht fallen, Er gedenkt ständig des Bundes, den Er mit unseren Vätern Avraham, Jitzchak und Ja’akov geschlossen hat. Aber die intime Anrede »Du, mein Volk« müssen wir uns verdienen, jeder Einzelne von uns und das täglich. Damit G’tt sich zu uns als Seinem Volk bekennt, müssen wir uns zu Ihm als unserem G’tt bekennen.


INHALT

Am Schabbat Chol Hamoed werden Teile des Wochenabschnitts »Ki Tissa« gelesen. Mosche steigt ein zweites Mal auf den Berg und kehrt mit neuen Tafeln zurück. Lediglich ein Vers des Toraabschnitts handelt direkt von Pessach: »Das Fest der Mazzot sollst du beachten. Sieben Tage sollst du Mazzot essen, wie ich dir geboten habe, zur Zeit des Frühlingsmonats. Denn in demselben bist du aus Ägypten gezogen.«

2. Buch Moses 33,12 – 34,26

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 21.04.2011.

27.04.2014 Artikelarchiv >>
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