hauptmotiv

MEZORA

Das Gehäuse der Seelen

Auslegung von Rabbiner Alter

Zu Beginn des aktuellen Wochenabschnitts Mezora hören wir, wie der Prozess der rituellen Reinigung von "Zara´at", einem leprösen Aussatz, beschrieben wird; ein Vorgang, der insgesamt acht Tage dauern sollte, um schließlich mit der Darbringung eines Opfers zu enden. Erst nachdem dieser Prozess vollständig durchlaufen war, wurde die betroffene Person wieder als rituell rein angesehen.

Als erstaunlich empfinde ich dabei, dass dieser lepröse Aussatz nicht nur auf Menschen beschränkt war, sondern, dass er auch Häuser befallen konnte. Dass Menschen von Aussatzkrankheiten befallen werden ist nachvollziehbar, aber was sollen wir mit einer leprösen Erkrankung eines Hauses anfangen?

Beide Phänomene werden im Text unterschiedlich eingeführt. Wenn Zara´at am Menschen vom Priester diagnostiziert wurde, dann legt Leviticus 13:3 uns nahe, dass es sich um eine erworbene Aussatzerkrankung handelt. Dagegen sagt Gott in Lev. 14:34: Wenn ihr in das Land Kanaan kommt, das ich euch gebe und ich einen Aussatzschaden bringe an ein Haus des Landes eures Besitzes ...
 
Wir sollten zunächst berücksichtigen, dass die Übersetzung "Lepra" oder "lepröse Erkrankung" für das in der Bibel beschriebene Krankheitsbild unzureichend ist. Viele bedeutende Kommentatoren, wie Maimonides oder Samson Raphael Hirsch, vertraten die Auffassung, dass "negahazra´át" keine Krankheit im eigentlichen Sinne sein kann.
Denn warum sollte die Tora die strikt medizinische Aufgabe der Diagnose einer Erkrankung den Priestern übertragen, die zwar Lehrer und Hüter der Traditionen waren, aber keine medizinischen Experten?
Gehen wir also davon aus, dass es sich um eine spirituelle Erkrankung handelt, eine Metapher für den Zustand der Seele. So wie eine Seele mit einem Körper verbunden ist, so sind die Seelen von Mitgliedern einer Familie mit der Behausung, in der diese Familie lebt, verbunden. Und genauso spiegeln die Wände eines Hauses die Atmosphäre wieder, die seine Bewohner erzeugen.

Manche Häuser sind erfüllt von Leben, Spiritualität, menschlicher Wärme und Gastfreundschaft, während auf anderen Häusern entweder ein bleiernes Schweigen zu lasten scheint, oder sie von lärmenden Zorn und Hass erfüllt scheinen, oder gar von vorneherein abweisend und ungastlich wirken.
Es liegt einfach in der Natur eines Hauses und seiner Haushalte: wenn in einem Haus oder Haushalt gegenseitiger Respekt, Liebe und gemeinsame Verantwortung das Klima dominieren, dann ist dies ein gesegnetes Haus und eine gesegnete Gemeinschaft und seine Wände werden von keinem Aussatz befallen. In dem Umfang, in dem die Mitglieder eines Haushalts die gemeinsame Verantwortung dafür annehmen, wird das Haus gesegnet sein. Es ist einfach unser Auftrag, uns in gegenseitigem Respekt ethisch und moralisch zu behandeln und liebevoll miteinander umzugehen. Und dieser Umgang ist auch unser Schutz gegen "Nega hazra´at", den äußerst unangenehmen Aussatz.

In diesem Sinne
Schabbat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 8.4.2011.

22.04.2016 Artikelarchiv >>
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