hauptmotiv

TRUMA

Spenden

Auslegung von Rabbiner Lengyel

Nachdem die Grundsätze der jüdischen oder menschlichen Ethik und die Lehre am Berg Sinai verkündet worden und in den letzten Wochenabschnitten erklärt worden sind, geht es in den Wochenabschnitten der kommenden Wochen um die Einrichtung des sog. Mikdasch, des Heiligtums. 

Dafür brauchte man Spender und Spenden.
דבר אל בני ישראל ויקחו לי תרומה מאת כל איש
„Der Ewige sprach zu Moses: Sprich zu den Kindern Israels, sie sollen mir eine Steuer aufnehmen, von einem jeden, dem es sein Herz geben wird.“
Mit diesen Versen beginnt unsere Parascha, Truma (Steuer oder Spende) im Zweiten Buch Moses.

Bis ins kleinste Detail wird der Bauplan für das Heiligtum, Bejt Hamikdasch beschrieben. Man brauchte viel Geld, Gold und Material, also viele Spenden.
Die Höhe einer Spende ist aber nicht so wichtig, ihr Wert wird an der Bereitwilligkeit des Herzens gemessen. Die Spende, die aus vollem Herzen gegeben wird, erlangt einen unübertrefflichen ideellen Wert. Demgegenüber sind Gold- und Silberspenden, die herzlos gegeben werden, von minderer Bedeutung.

Nun denke ich, dass zum Thema Spenden, gerade zu dem Vers: „von einem jeden, dem es sein Herz geben wird“ zwei chassidische Erzählungen gut passen.

In Sassow, in Galizien, wurde ein reicher Mann in Verruf gebracht, ein Geizhals, zu sein. Denn man hat nie gesehen, dass er irgendwann mal für wohltätige Zwecke eine Spende gegeben hätte.

Als dies der Rabbi von Sassow hörte, ließ er den reichen Mann zu sich kommen. Nach wenigen, kurzen Begrüßungsworten erhob sich der Rabbi, holte aus einem Schrank einen kleinen Handspiegel und überreichte ihn seinem Gast.
„Was siehst du in dem Spiegel?“ fragte der Rabbi.
„Ich sehe mich selber“, erwiderte der reiche Mann.

„Nun schaue bitte aus dem Fenster hinaus. Was siehst du jetzt?“
„Ach, ich sehe Menschen, die in allen Richtungen laufen“ antwortete der Mann dem Rabbi.

„Nun, denke einmal nach: Fensterscheibe und Spiegel sind beide aus demselben Material, nämlich aus Glas. Worin liegt aber der Unterschied?“
Der Gast dachte nach, strengte sich an, aber fand überhaupt keine Antwort auf die Frage.

„Ich kann dir den Unterschied erklären“ setzte der Rabbi fort.
„Das Glas des Spiegels ist auf eine Seite mit einer Silberschicht bedeckt. Dieses Silber versperrt die Sicht nach außen, daher siehst du nur dich selbst. Das Glas der Fensterscheibe aber wird von keiner Silberschicht bedeckt. Es ist klar und ermöglicht es dir, auch andere Menschen zu sehen.“

Der geizige reiche Mann verstand sofort den Hinweis. Mit nachdenklicher Miene und gesenktem Kopf verließ er das Haus des Rabbis.       

Nun die zweite Anekdote: Rabbi Schapira hatte den Ruf eines feurigen Redners. Er hielt eines Tages in Warschau eine Predigt, um zugunsten seiner Sonntagsschule in Lublin Geld einzutreiben. Der Saal war voll, unter den Anwesenden befanden sich viele wohlhabende Menschen aus der Gemeinde.

Rabbi Schapira warf in die Rede all seine Überzeugungskraft und seinen ganzen Enthusiasmus.
Wie enttäuscht war er, als er merkte, dass ein Teil seiner Gemeinde fast beim Einschlafen war. Da entdeckte er einen kleinen Jungen und rief ihn zu sich.
„Hast du meine Predigt verstanden?“ – fragte der Rabbi.

„Um ehrlich zu sein, viel habe ich nicht verstanden, Herr Rabbiner. Nur eines habe ich mitbekommen, sie benötigen Geld!“

Da rief der Rabbi voller Bewunderung aus: „Du sagst, du hast nichts verstanden? Du hast noch viel mehr begriffen als die meisten Erwachsenen hier in der Synagoge.“

Ein leichtes Lächeln ging um in der Synagoge, viele fühlten sich unwohl. Nach der Predigt flossen die Spenden wie nie zuvor.

Schabbat Shalom!                
                
  
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des NDR, dort gesendet am 24.2.2012.


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