hauptmotiv

WA'ERA

Züge zeitgenössischer Problematik

Auslegung von Rabbiner Brandt

Man muss die Bibel mit Phantasie und reichem Vorstellungsvermögen lesen können. Nur so eröffnet sie sich uns in all ihrem leuchtenden und lehrreichen Reichtum. Die Welt von der sie spricht ist unsere Welt, und die Menschen, die sie uns vorführt, sind Menschen aus Fleisch und Blut wie wir.

Eine Totenstille hatte sich über den gigantischen Thronsaal des pharaonischen Palastes gelegt. Mit angehaltenem Atem wartet die versammelte Schar der Minister, Höflinge und Diener wie der Pharao, oberster Herrscher und gottgleicher Regent der Großmacht Ägypten, auf die ihm soeben entgegengeschleuderte Herausforderung antworten würde. So etwas hatte es zur Zeit und in den Erfahrungen aller dort Versammelten noch niemals gegeben. Da stellt sich ein ehemaliger, wegen Todschlag zum Tode verurteilter, Zögling des königlichen Hofes, der über viele Jahre Schafe in der Wüste Sinai gehütet hatte, vor den mächtigsten Mann des Landes hin und verlangt, dass man ein ganzes Sklavenvolk aus der Fronherrschaft in die Freiheit entlassen solle. Dabei kann der Schafhirte sich nicht einmal richtig artikulieren. Er stottert und spricht mit schwerer Zunge, hat auch noch seinen Bruder mitgebracht für ihn zu reden. Solch eine Unverfrorenheit konnte bestimmt nicht gut ausgehen. Ein wenig Bewunderung kann Pharao nicht versagen. Nicht viele würden es wagen so vor ihn zu treten. Entweder steht hier ein völlig Verrückter vor ihm, oder – und bei diesem Gedanken erlischt der Anflug des spöttischen Lächelns, das momentan Pharaos Lippen umspielt hatte – ein kaltblütiger, ernsthafter Herausforderer. Er blickt in das knorrige, von Wind und Wetter gezeichnete, Gesicht seines Gegenübers und fühlt dessen ruhigen und harten Blick auf sich ruhen. Ein kalter Schauer läuft unfreiwillig seinen Rücken hinunter, eine dumpfe schlimme Ahnung umklammert für eine Sekunde sein Herz. Pharao lässt die Worte, die diese Männer eben zu ihm gesprochen hatten, in seiner Erinnerung nochmals nachklingen: „So spricht der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mir in der Wüste diene.“
Gerade weil wir in der biblischen Erzählung Züge zeitgenössischer Problematik wiedererkennen, erhält der weitere Verlauf des dortigen Geschehens beispielhafte Bedeutung für uns und unsere Zeit.
Hinter der von Moses geäußerten Forderung sein Volk ziehen zu lassen steht ein höherer Wille, der  - wenn er auch der Entscheidungsmöglichkeit der Menschen freies Spiel lässt – sich endgültig durchsetzt und obsiegt. Indem Moses an Pharao mit den Worten: „So spricht der Gott Israels“ herantritt, stellt er seine Forderung unter diesen Willen und hebt sie aus dem Rahmen menschlicher Entscheidung heraus. Die in die Schöpfung eingebaute Würde und Freiheit des Menschen ist der strittige Punkt, über das Schicksal eines Volkes einer bestimmten Zeit hinaus.
Solange Arroganz der Macht ihr willkürliches Spiel mit den Rechten der Menschen treibt, wird es Sprecher und Mahner wie Moses geben, die ihr zurufen: ‚ Schlach et Ami – Lass mein Volk ziehen! ‘
Ich entbiete Ihnen, meine lieben Zuhörer, den Gruß des
Schabatfriedens: Schabat Schalom.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des RBB, dort gesendet am 20.1.2012.


02.01.2014 Artikelarchiv >>
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