hauptmotiv

TOLDOT

Jakob und Esau ...

... und ihre beiden heiligen Namen

Auslegung von Rabbinerin Klapheck

Im Wochenabschnitt „Toldot“ geht um den Konflikt zwischen Jakob und Esau um das Erstgeburtsrecht. Die Botschaft dieser Geschichte erscheint eindeutig. Jakob stellt den favorisierten jüdischen Prototyp dar – eher schwächlich und vergeistigt, Liebling seiner Mutter, die meiste Zeit lernend im Zelt. Seinen nur um Minuten älteren Zwillingsbruder Esau beschreibt die Tora als eher grobschlächtigen und kraftstrotzenden Typ, der die Jagd und die Frauen liebt. Esau verkörpert so etwas wie den ersten „Goi“, lange bevor es diesen Ausdruck gab. Isaak ist bereit, Esau als Erstgeborenen zu segnen. Doch es ist Jakob, der das Erbe Abrahams weiter tragen soll. Die Entscheidung trifft Rebekka, indem sie Jakob anhält, sich als Esau zu verkleiden, um vom blinden Isaak den Segen zu erhalten. Esau wird aus der Erbfolge ausgeschlossen.

Es ist nicht das erste Mal, das in der Tora ein wichtiges Familienmitglied ausgestoßen wird. Eine Generation zuvor waren es Ismail und Hagar, die gehen mussten, damit sich die Erblinie in Sarahs Sohn Isaak fortsetzen konnte. Mit jedem Ausschluss bedeutet die Tora ihren Lesern, welche Menschen bevorzugt werden, um die göttliche Verheißung weiter zu tragen. Jeder Ausschluss produziert jedoch zugleich auch einen Feind.

Zwar werden sich Jakob und Esau später wieder versöhnen. Dennoch erkannten die Rabbinen im Talmud eine ursprünglich bestehende, sich immer wieder von Neuem manifestierende Feindschaft zwischen beiden. Esau verkörperte für die talmudischen Rabbinen das spätere Römische Reich. Sie setzten Esau gleich mit dem Willen zur Macht und Gewalt, mit gesetzlosem Materialismus, Arroganz und Menschenverachtung. Rom - oder Jerusalem?

Die Beziehung zwischen Esau und Jakob ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.
„Zwei Völker sind in deinem Leibe,“ sagte Gott zu Rebekka während der Schwangerschaft – „zwei Nationen scheiden sich aus deinem Schoße. Eine Nation wird mächtiger als die andere, die große wird der kleineren dienen.“ (1. BM 25:23)
Rabbiner Samson Raphael Hirsch interpretierte diese Worte als Ankündigung zweier Sorten Staatsverbände: den durch Esau gegründeten rein irdisch-säkularen Staat, dessen Gesetze sich an den im Menschen waltenden Naturmächten orientieren – vor allem dem Vorrecht des Stärkeren. Und den mit Jakob entstehenden, sich an göttlicher Offenbarung orientierenden Staat, der den Menschen als im Ebenbild Gottes erschaffen begreift, soziale Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Achtung vor den Menschenrechten verlangt.

Gibt es eine Brücke zwischen beiden?

Die Tora gibt uns jedenfalls einen Hinweis.

Bevor sich Jakob und Esau versöhnen, erkämpft sich Jakob einen heiligen Namen: „Israel“. Das bedeutet: „er kämpft mit Gott“ und zeigt an, dass die Beziehung zu Gott keine in sich versöhnte, sondern eine ständigen geistigen Ringens, Zweifelns und auch der Anklage ist.
Esau trägt ebenfalls einen zweiten - heiligen - Namen. Regelmäßig bezeichnet ihn die Tora als „Edom“. Edom schreibt sich genauso wie „Adom“ - das hebräische Wort für „rot“. Es enthält zugleich dieselbe Sprachwurzel wie „Adam“ - „Mensch“. Adam wiederum hängt zusammen mit „Adama“ – auf hebräisch: „Erde“.

Beide heiligen Namen zeigen uns eine Verwandlung an: Jakob überwindet im Namen Israel seine provozierend naive, gottseelige Einfalt und gelangt zur tieferen Einsicht in das nicht immer nur positive Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Gott. Esau überwindet im Namen Edom die Illusion unbeschränkter physischer Potenz und gelangt zu einem Begriff von Menschlichkeit, die im Wissen um die allen Geschöpfen auferlegten irdischen Begrenzungen entsteht.

Wir brauchen beide Namen. Möglicherweise obliegt es jeder Generation, Jakob und Esau erneut als Israel und Edom zu versöhnen.


08.11.2013 Artikelarchiv >>
Rabbiner & RabbinerinnenStrömungenPositionenBet DinPublikationenLinksImpressum
Bookmark für: Facebook
Home
logo der allgemeinen rabbinerkonferenz

© Allgemeine Rabbinerkonferenz
Meldungen

Zum Geburtstag von Rabbiner Gábor Lengyel

»Jüdischkeit ist sein Lebenskompass«

von Rabbiner Andreas Nachama 

Am 15. Januar wird Rabbiner Gábor Lengyel 80 Jahre jung. Jüdischkeit ist sein Lebenskompass. Die ihn kennen, wissen, dass er ein bescheidener leiser und bedacht auftretender Mann ist....

Lesen Sie mehr...

Ordinationsfeier Abraham Geiger Kolleg - September 2020 (ab 36:17)


Paraschat Haschawua

WA'ERA

Auslegung von Rabbinerin Ederberg

Eine Geschichte, die immer wieder Mut macht

Im heutigen Wochenabschnitt Wa’era nimmt das Drama der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten an Fahrt auf. Was ist bisher geschehen? Der junge Mosche wächst als Adoptivkind am Hof des Pharao auf und muss fliehen, weil er einen ägyptischen Sklaventreiber umgebracht hat. Er findet eine neue Heimat und eine neue Familie im Exil in Midian. Dort erscheint ihm...

15.01.2021   Lesen Sie mehr...