hauptmotiv

CHAJE SARA

Gottes Weitwinkel

Familienangelegenheiten sind für den Ewigen genauso wichtig wie das Weltgeschehen

Auslegung von Rabbiner Simon

 Beim Lesen der wöchentlichen Parascha schaut jemand, der einen G’ttesdienst vorbereiten oder einen Artikel schreiben soll, zunächst danach, was der Abschnitt »zu bieten hat«, um eine Drascha darauf aufzubauen. Gibt es etwas, was hervorsticht und die Aufmerksamkeit fesselt? Erschaffung von Menschen aus Staub, eine Sintflut, die Spaltung eines Meeres, ein goldenes Kalb – dies sind Beispiele für Dinge oder Vorgänge, die aus dem Rahmen des Üblichen fallen, die außergewöhnlich sind, die nicht nur rabbinisch und journalistisch eine Sensation sind.

Was ist nun das Besondere an Paraschat Chaje Sara? Besonders ist, dass es nichts Besonderes gibt. Dieser Wochenabschnitt liest sich wie der leise Ausklang der vorherigen Paraschiot. In Lech Lecha (vor zwei Wochen) führt Awraham einen Krieg gegen die vier mächtigsten Könige des Nahen Ostens – ihre Reiche spannen sich bis zum heutigen Aserbaidschan und zum Persischen Golf. Diese Schlachten waren Ereignisse von internationalem Belang. Es gab wohl keinen Menschen in der gesamten Region, der nicht direkt oder indirekt von diesem Krieg betroffen war. In Paraschat Wajera (vor einer Woche) wird eine ganze Region mitsamt ihrer Königreiche durch Schwefel- und Feuerregen dem Erdboden gleichgemacht – auch dies ein Ereignis, das die damalige Welt erschüttert haben dürfte.

Dies sind nun vor allem physische Begebenheiten, aber auch in den Innenwelten der Protagonisten ist viel geschehen. Es erscheinen Boten des Himmels, die dem alten Paar Awraham und Sara Nachkommen verheißen. Ein lang gehegter, und wohl auch schon wieder aufgegebener, Traum soll doch noch in Erfüllung gehen. Was das für ein kinderloses Nomadenpaar bedeutet, können wir uns heute kaum noch vorstellen.

AUSLÖSER

Und dieser Nachwuchs, Jitzchak ist sein Name, soll nun wenig später durch die Hand des eigenen Vaters getötet werden. Auch hier reicht unsere Vorstellungskraft kaum aus, die Bedeutung dieser – glücklicherweise nicht zum grausamen Ende geführten – Handlung für das seelische Leben dieser Familie auszumalen. Der Meinung einiger unserer Weisen entsprechend, soll dieses Ereignis sogar der Auslöser für Saras Tod gewesen sein.

Und nun ein Blick in die Parascha für diese Woche. Es geschieht im Grunde genommen nichts, was nicht alltäglich wäre. Selbst für unsere Verhältnisse heute ist fast alles, was wir in diesem Wochenabschnitt lesen, nicht außergewöhnlich. Es gibt Unsicherheit und Diskussionen über einen Begräbnisplatz. Das kennen viele von uns heute ebenso, wenn auch eher nicht mit Chittitern, sondern vielleicht mit den eigenen Verwandten oder der Friedhofsverwaltung. Es gibt Verhandlungen über einen Schiduch, als Awraham seinen Knecht Elieser in seine Heimat schickt, um für Jitzchak eine Braut aus der eigenen Familie zu finden. Heute findet die Suche eines Bräutigams oder einer Braut eher selten durch einen Heiratsvermittler statt, aber Diskussionen über das Ob, Wann, Wo und Wie der Hochzeitsfeier kennt auch heute wohl jedes Paar.

Kurz nach der Hochzeit seines Sohnes heiratet Awraham erneut und zeugt weitere Kinder. Dies wird nicht kommentiert, und wir erfahren auch kaum etwas über die neue Familie. Ein Vorgang wie dieser kann heutzutage genauso passieren, auch wenn so etwas nicht gern in der Öffentlichkeit diskutiert wird, vielleicht nicht einmal bei Familienfeiern, möglicherweise aber als Fußnote beim Nachruf.

So wie ganze Paraschiot – zum Beispiel die der vergangenen Wochen – der großen Politik gewidmet sind, ist die Parascha Chaje Sara in ihrer Gänze privaten internen Familienangelegenheiten vorbehalten. Diese Angelegenheiten, Tod eines geliebten Angehörigen und seine Beerdigung, Brautsuche für den Sohn, die Hochzeit, Liebe im Alter und die Geburt von Kindern, sind offensichtlich für die Menschen im unmittelbaren Umfeld von genauso großer, wenn nicht gar größerer Bedeutung wie Dinge, die das Land insgesamt betreffen. Das ist heute nicht anders. Am Tag der Hochzeit wird sich kaum ein Brautpaar für die aktuellen Nachrichten und Börsenkurse interessieren.

TRIVIAL

Es liegt wohl auch daran, wie wir Geschehnisse vor dem Hintergrund unseres Wissens und unserer Erziehung gewichten, dass der Eindruck entsteht, alles in dieser Parascha klänge so schrecklich trivial. Es keimt Verwunderung darüber auf, dass alltägliche Ereignisse, die in fast jeder Biografie vorkommen (können), dennoch in der Tora ihren Platz gefunden haben.

Die Tora ist ja häufig eher wortkarg, nur das Nötigste wird erwähnt. Oft wird etwas so knapp geschildert, dass wir in der schriftlich niedergelegten mündlichen Tora, dem Talmud und seinen Nachfolgewerken, ganze Traktate finden, die uns die Bedeutung einzelner Aussagen in der Tora erklären und verdeutlichen müssen. In Chaje Sara jedoch sehen wir, dass das Normale und Alltägliche offenbar grundsätzlich ebenso berichtenswert ist wie alles andere.

So wie uns die große Politik der damaligen Zeit aus Sicht der Tora geschildert wird, damit wir verstehen, warum die Welt so ist wie sie ist, werden uns auf derselben Ebene und mit demselben Wichtigkeitsgrad die privaten Höhen und Tiefen im Leben unserer Vorfahren geschildert. Der Mikrokosmos der familiären Abläufe in der Geschichte ist im Blickwinkel G’ttes nicht weniger wichtig als der Makrokosmos Weltgeschehen.

So wird uns deutlich vor Augen gestellt: Vor G’tt ist gleich wichtig, ob ein fremder König besiegt wird oder ob eine Verkaufsverhandlung für eine Grabstelle stattfindet. Vor G’tt ist gleich wichtig, was im Kleinen geschieht, wie das, was im Großen und Ganzen abläuft. Es gibt keinen Lebensbereich, der von g’ttlicher Prägung ausgeschlossen ist. Auch bei uns nicht.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 17.11.2011.


31.10.2013 Artikelarchiv >>
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