hauptmotiv

Neues Licht zu Chanukka

Inklusive Gedanken für ein Rückkehrwunder in unserer Zeit

von Rabbiner Andreas Nachama

Judentum und Umgebungsgesellschaften – das ist auch ein biblisches Thema, das schon unsere Vorfahren Abraham, Isaak, Jakob, Sara, Riwka, Rachel und Lea beschäftigt hat. So alt dieses Thema ist, so alt ist auch die Frage: Wer gehört dazu und wer nicht? Die Makkabäer kämpften nicht nur gegen den äußeren Feind, der den Tempel in Jerusalem für seinen Götzenkult entweiht und missbraucht hatte, sondern auch gegen jene in den eigenen Reihen, die, als „Hellenisten“ bezeichnet, jüdische Positionen durch Positionen der Umgebungsgesellschaft substituierten. Und schließlich waren es eben die Makkabäer (wie es im Gebet Al ha-Nissim heißt: die Wenigen), die über die Vielen obsiegten. Juda Makkabi bestimmte ein achttägiges Siegfest, das alljährlich gefeiert werden sollte. 

Nicht aber diesen Sieg haben die Rabbiner zum Mittel des Feiertags gemacht, auch nicht das achttägige Siegfest, ja, sie haben die beiden Bücher der Makkabäer nicht in den Kanon der Hebräischen Bibel aufgenommen – sondern ein spirituelles Wunder in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten gestellt: Für die Wiedereinweihung des Tempels gefundenes, geweihtes und versiegeltes Öl, mit dem die Menora eigentlich einen Tag hätte leuchten können – aber nein, Gott hat es wundersam gewendet: Das Licht brannte acht Tage. 

Wer gehört dazu und wer nicht, haben wir eingangs gefragt. Wundersames göttliches Wirken erleben wir oft: Menschen, die ihre jüdische Herkunft entdecken, oft patrilinear, und dann eintauchen in ein jüdisches Leben – wie das Ölkrüglein, das offenbar niemand beachtet hat, um dann gefunden zu werden und zum Ausgangspunkt eines Lichtwunders wird. So werden Kinder von Juden, die ihre Tradition wieder finden, so wie in der Chanukkageschichte, zum Ausgangspunkt eines Rückkehrwunders – und tauchen ein in jüdisches Leben, in die Mikwe der Gemeinde, und kehren als jüdische Kinder (manchmal auch schon reich an Lebensjahren) zurück nach Hause. Rückkehr: Wie die Makkabäer in den Tempel. Jüdische Kinder bringen neues Licht in unsere alte, immer junge Heimat.

Man könnte auch sagen: Wir haben in der Schoa genug Menschen verloren, wir brauchen keine weiteren Verluste. Dieser Spruch erinnert mich an eine Auseinandersetzung in der Synagoge meines Vaters zu Beginn der 1970er Jahre. Da wurde mit einiger Regelmäßigkeit ein Jude zur Tora aufgerufen, der ganz offensichtlich homosexuell war. Das war zu dieser Zeit noch riskant. Der von den Nationalsozialisten 1935 eingeführte Paragraf 175b des Strafgesetzbuches existierte bis 1969, in der ursprünglichen Fassung von 1872 sogar bis 1994. Ein damals neuer Gemeinderabbiner, der wesentliche Teile der Schoa in Südamerika überlebt hatte, gerade erst nach Deutschland zurückgekehrt war und auch die gesellschaftlichen Veränderungen hierzulande nicht mitvollziehen konnte, versuchte, den Aufruf des Mannes zu skandalisieren, und wollte Estrongo und die Gabbaim dazu bringen, den Mann wegen seiner Homosexualität nicht mehr zu Tora aufzurufen. Estrongo war da sehr fundamentalistisch streng und führte aus, dass dieser Beter im gleichen KZ gewesen war wie er selbst, dass sie beide nur durch Zufall überlebt hatten, dass die jüdischen Gemeinden genug Menschen verloren hätten und dass nach der Befreiung alle Überlebenden das gleiche Recht hätten, gleichen Anteil am jüdischen Leben und somit auch am Gottesdienst zu haben. Er legte dem Rabbiner nah, auf dem Hof der Synagoge ein paar Züge frische Luft zu atmen, wenn der Mitbeter das nächste Mal zur Tora gerufen wird. 

Wenn wir heute darüber nachdenken, wie wir Juden miteinander umgehen, dann muss der Ausgangspunkt aller Überlegungen sein, dass Gott den Menschen – weiblich wie/und männlich – in seinem Ebenbild erschaffen hat; will heißen, weiblich, männlich und „weiblichundmännlich“ (in einem) – sachar unekewa bara otam. Jeder Mensch mit seiner Neschama – mit seiner Seele – ist ein göttliches Werk. Ob Mann, ob Frau, ob drittes Geschlecht – alles Gottes Geschöpfe: Wir sollen respektvoll miteinander umgehen – in unserem geschützten Raum, in unseren Synagogen und Gemeindezentren, in unseren Familien und Freundschaftskreisen in ganz besonders vorbildlicher Weise. 

Dass der Regenbogen nach der Sintflut zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Noachiden wurde und heute auch das Zeichen für buntes menschliches und folglich auch jüdisches Leben ist, soll uns gerade zu Chanukka sagen: Auch diese jüdischen Kinder Gottes sind Teil von uns. Hier gilt ebenso: (Auch ältere) Kinder von Juden, die ihre Tradition wie in der Chanukkageschichte zum Ausgangspunkt eines Rückkehrwunders machen, tauchen ein in jüdisches Leben, in die Mikwe der Gemeinde, und kehren als jüdische Kinder zurück nach Hause. Rückkehr: Wie die Makkabäer in den Tempel. Jüdische Kinder bringen neues Licht in unsere alte, immer junge Heimat.



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