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Rosch Haschana 5777

Das Widderhorn mahnt und gibt Hoffnung

Das, im Großen und Ganzen, nicht sehr erfreuliche Jahr 5776 geht zur Neige. Unsere Enttäuschungen, Misserfolge, ungelösten Probleme und Ängste beherrschen den Hintergrund, auf dem wir unsere Hoffnungen für die Zukunft entwerfen. Vielleicht heben wir unsere Erwartungen so betont von unseren Erfahrungen ab, weil wir vermuten, dass unsere Hoffnung sich in der Wirklichkeit nur in bescheideneren Maßen realisieren lässt. Ist es dann nicht angenehmer, von einem schöneren Morgen zu träumen, als Vergangenes zu überdenken?
Rückblick und Vorschau kommen auch in der Liturgie und im Brauchtum der Neujahrstage zum Tragen. Charakteristisch für den G'ttesdienst ist das mehrmalige Blasen des Schofars - des Widderhorns. Darin spiegelt sich die Tatsache wider, dass das Neujahrsfest, welches auch als "Tag des himmlischen Gerichts" betrachtet wird, einen weiteren beschreibenden Titel, nämlich "Jom Sichron Teru'ah" - der Tag des Gedenkens oder der Erinnerung - trägt. Dieses Blasen der Trompeten verkündet vor allem die Majestät und das königliche Richteramt G'ttes.
Wie es uns an Seine Existenz erinnert, soll es auch unser Gedenken sowie die Erinnerung der unserer Väter gemachten Verheißungen vor Ihn bringen. Der bekannte jüdische Denker, Philosoph, Arzt und Wissenschaftler des Mittelalters, Maimonides, betonte die im Hören dieser aufrüttelnden Töne implizierte Mahnung zur Rückschau. Sie rufen einem zu: "Erwache, du Schläfer, und überdenke dein Tun. Erinnere dich an deinen Schöpfer und kehre in Reue zu Ihm zurück. Prüft eure Taten und sorgt euch um eure Seelen; verlasset eure sündigen Wege und Gedanken und kehret zu G'tt zurück, auf dass Er euch Gnade beweise."
Trotz der Mahnung, uns aufrichtig mit unserem Straucheln und Scheitern auseinanderszusetzen, ist der Grundtenor der Posaunenkläge doch Hoffnung und Zuversicht. Indem sie G'tt als gegenwärtig und in seiner Schöfpung wirkend verkünden, bezeugen sie, dass Er sich - zu unserem Heil - nicht aus der Welt zurückgezogen hat. G'tt ist in unserer Mitte, und auf seine Verheißung, in deren Verwirklichung das Volk Israel nach wie vor den Kernpunkt bildet, ist Verlass. In ihr hat unsere Zukunftshoffnung ihren Grund und ihre Bestätigung.
Des Hornes Ruf zum Erwachen und zu Taten weist darauf hin, das Bewusstsein von G'ttes Gegenwart in unserer Mitte nicht als Freibrief zu Untätigkeit und Passivität zu missbrauchen. Die von uns an die Zukunft geknüpften Erwartungen müssen - mindestens zum Teil - vom Menschen selbst errungen und erkämpft werden. Die ideale Gesellschaftsordnung, gekennzeichnet von Brüderlichkeit und Frieden, wird nur durch unser intensives Mitwirken zustanden kommen.
Auch im Namen meiner Kollegen und Kolleginnen der Allgmeinen Rabbinerkonferenz Deutschland wünsche ich allen jüdischen Menschen, Gemeinden und Institutionen in Israel und in allen Ländern der Welt, wo immer sie sich befinden mögen, ein gesegnetes, gutes und friedliches Jahr, ein Jahr des Glücks, des Aufbaus und des Wohlergehens.

Landesrabbiner em. Henry G. Brandt

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