hauptmotiv

Israelberuf

Zu den Jamim Noraim
von Rabbiner Jonah Sievers

Woher kommen Sie? Was machen Sie? Wer sind Sie?

Wie oft haben Sie diese Fragen schon anderen gestellt, wie häufig mussten Sie diese Fragen schon beantworten? Ich nehme an, dass dies sehr häufig der Fall war. Oft stellen wir diese Fragen relativ schnell, wenn wir jemanden kennengelernt haben, um etwas Wesentliches über diese Person zu erfahren, um sie, so meinen wir, richtig einschätzen zu können. Oft hängt von der Beantwortung dieser Fragen unser weiteres Verhältnis zu dieser Person ab.

Dabei ist interessant zu sehen, auf welcher Grundlage wir diese innere Bewertung unseres Gegenübers gründen. Hier will ich vor allem auf die zweite Frage abzielen. Was machen Sie? Was würden Sie auf diese Frage antworten? Ich liege wahrscheinlich nicht verkehrt, wenn ich annehme, dass Sie antworten würden: Ich bin Arzt, ich bin Rechtsanwältin, ich bin Ingenieur, ja gar: Ich bin Rabbiner. Wir würden diese Frage also im Sinn von: „Was machen Sie beruflich?“ verstehen, und wahrscheinlich ist sie vom Frager auch so gemeint.

Wir antworten in der Regel mit unserem Beruf. Ich finde das höchst interessant und eigentlich erschreckend. Wir definieren uns nicht nur selbst über unseren Beruf, sondern schätzen auch andere nach ihren Berufen ein. Wie leicht neigen wir dazu, Andere, die einen anderen, vielleicht von uns nicht so als hochstehend angesehenen Beruf haben, abzuwerten. D.h. aber auch gleichzeitig, dass wir sie als Menschen abwerten. Dies bedeutet nicht, dass man sich mit jedem gut verstehen muss. Natürlich kann eine Unterhaltung oder Beziehung schwer sein, da zwei unterschiedliche Lebenserfahrungen aufeinander treffen. Aber wir neigen eben dazu, den anderen gleich als Menschen an sich abzuwerten, und vor diesem Fehler müssen wir uns hüten. Denn ist der Beruf alles, sind wir nur der Beruf? Was würden wir wohl sagen, wenn uns jemand antworten würde: Ich bin ein Musikliebhaber, ich lebe ein ethisches Leben. Ich lese gerne? Wir sollten uns vornehmen, unseren Nächsten als Menschen zu sehen, als jemanden, der jenseits seines Berufes einen Wert hat.

Morgen werden wir in der Haftarah zum Jom Kippur Nachmittagsgottesdienst noch eine andere Antwort auf die oben gestellte Frage hören. Der Prophet Jonah flieht vor Gottes Auftrag, Nineveh den Untergang zu prophezeien, in Richtung Tarshish. Aus diesem Anlass heuert er auf einem Boot an. Gott lässt einen gewaltigen Sturm entstehen, der das Boot an den Rand des Kenterns bringt. Die Seeleute beten zu ihren Göttern, werfen die Ladung über Bord, um das Schiff vor dem Untergang zu retten. Nichts hilft. Jonah schläft derweilen seelenruhig in seiner Kajüte. In ihrer Not werfen die Seeleute das Los und dieses fällt auf Jonah. Die Seeleute holen ihn und fragen ihn: „Erzähl uns, um wessentwillen uns dieses Unheil widerfährt. Was ist deine Arbeit, woher kommst du, welches ist dein Land und von welchem Volk kommst Du?“ Seine Antwort finde ich jedes Mal beeindruckend. Er sagt: „Ivri anochi, w'et ADONAI elohei HaSchamajim ani Jare. Ich bin Jude, und ich fürchte den Gott des Himmels“ (Jonah 1:9). Dies ist seine Selbstbeschreibung. Ich bin Jude. Vielleicht arbeite ich auch als Rechtsanwältin oder Ingenieur, aber im Wesentlichen bin ich Jude. Samson Rafael Hirsch nennt es den Israelberuf.

An Rosch HaSchana wurden wir aufgerufen, besonders unser Verhalten während des vergangenen Jahres zu untersuchen. Es ist auch unsere Aufgabe zu untersuchen, wie wir eben diesem Israelberuf nachgekommen sind.

Dieses ist wie jedes Jahr unsere Aufgabe für die kommenden 25 schweren Stunden. Für manche ist es eine Überprüfung einzelner Gebote: Habe ich mich an meinen eigenen Kaschrutstandard gehalten; für mache von uns ist es eine Überprüfung ihres Verhältnis zu Gott im Grundsätzlichen. Egal, um was es geht: wir sollten uns auf diesen Dialog einlassen und die aus ihm entstehenden Verpflichtungen befolgen.  Und vor allem müssen wir ehrlich mit uns selbst sein, damit wir aufrichtig und stolz sagen können: „Ivri anochi, w'et ADONAI elohei HaSchamajim ani Jare. Ich bin ein Jude und ich fürchte den Gott des Himmels“ (Jonah 1:9)

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