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Von der Stammesgesellschaft zur Europäischen Union

von Rabbinerin Elisa Klapheck

Bei all dem Bashing gegen Europa und die EU kommt mir in diesen Tagen immer wieder die große politische Leistung der Tora in den Sinn. Damals gab es nicht verschiedene Nationalstaaten, die in einem komplizierten Vertragssystem eine Solidargemeinschaft bildeten. Damals gab es zwölf Stämme – jeder mit einer eigenen Identität, eigenen Gepflogenheiten und auch einem eigenen Stammvater: Ruben, Simon, Levi, Juda – wir kennen sie: die zwölf Söhne Jakobs, die Kinder Israel. Zusammen bildeten sie zunächst ein Bündnis von Stämmen.

Wenn wir das biblische Richter-Buch lesen, erfahren wir jedoch von vielen Stammesfehden – nicht nur gegen die äußeren Feinde, die Philister oder die Edomiter, sondern auch gegen die eigenen Bundesbrüder aus den Stämmen Israels. Vor allem vom Stamm Benjamin werden schlimme Regelbrüche berichtet, weswegen die anderen Stämme sogar einen Krieg gegen ihn führten und ihn ausschließen wollten. Am Ende durften die Benjamiter in der „Union“, pardon im Bund bleiben – mussten sich aber fortan an die Regeln halten.

Vor diesem Hintergrund liest sich die Tora wie ein Programm für den damals so notwendigen Integrationsprozess. Am Berg Sinai, als Gott einen Bund mit dem ganzen Volk Israel schloss, da differenzierte er nicht zwischen den einzelnen Stämmen, nicht zwischen Elite und Untertanen, zwischen Reichen und Armen und auch nicht zwischen Alteingesessen und Neuen, die noch hinzukommen werden. Im Fünften Buch Mose, Kapitel 29, ab Vers 9 steht vielmehr:
„Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gotte eure Oberhäupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Beamten, alle Männer Israels. Ebenso eure Kinder, eure Frauen und der Fremde, der in deinem Lager ist, deine Holzhauer und Wasserschöpfer, um auf den Bund mit dem Ewigen, deinem Gotte, und auf den Eid einzugehen, auf den dich der Ewige, dein Gott, heute verpflichtet - um dich heute zu seiner Nation zu erheben und dein Gott zu sein, wie er es dir verheißen hat, und wie er es deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat. Nicht euch allein verpflichte ich auf diesen Bund und diesen Eid, sondern neben dem, der heute hier bei uns vor dem Ewigen, unserem Gotte, steht, auch den, der heute nicht hier bei uns ist.“ (Deu. 29:9-14)
Fortan gab es den Bürger, in Hebräisch den Esrach – der nach der Tora den anderen Bürger aus den anderen Stämmen gleichgestellt war. In einem ausgetüftelten Bundessystem mit gemeinsamen Regeln sollte er das gegenseitige Miteinander lernen. In diesem über die Stammesgrenzen hinaus viel größer gewordenen Raum der Kooperation entstand jenes wohlfahrende Reich, das als davidisches Reich sogar zum Maßstab für das dereinstige messianische Zeitalter geworden ist.

Das biblisch-historische Schema scheint sich im europäischen Integrationsprozess zu wiederholen. Noch sind wir jedoch inmitten der Probleme des Werdens. Aber was den Kindern Israel gelungen ist – sich als ursprünglich befehdende Stämme zu einem größeren Gebilde zu emanzipieren und einen Raum der Kooperation und Solidarität zu schaffen – wird hoffentlich auch uns Europäern im Rahmen der EU gelingen.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Norddeutschen Rundfunks, dort gesendet am 12.8.2016

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