hauptmotiv

ZIMZUM

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

von Rabbinerin Antje Yael Deusel

Es ist eines der faszinierendsten Geheimnisse der Menschheit: Wie entstand das All? Wie entstand
unsere Welt? Geschah es durch den großen Urknall, oder war es das Gegenteil davon, nämlich
Zimzum?
Beide Vorstellungen gehen von einem anfänglich unendlichen und gleichförmigen Universum aus.
Aber während die Urknalltheorie eine physikalische Gegenreaktion auf eine extreme Kontraktion
von Energie auf einen Punkt propagiert, von dem aus dann durch das Auseinanderstreben der
Bestandteile unser Universum entstanden sei, liegt dem Gedanken von Zimzum keine unbelebte
Kraft zugrunde, sondern kein anderer als der Ewige selbst, in der Form des Ejn Sof – dessen, Der
unendlich ist.

Schöpfung

Weil Ejn Sof unendlich ist und das ganze Universum erfüllt, kann eigentlich nichts außer
Ihm existieren. Eigentlich – denn der Ewige schafft Raum: nicht neben sich, denn Er ist ja
unendlich; sondern in sich selbst, oder besser: aus sich selbst heraus. Er zieht sich zusammen
(mezamzem), aus Seiner Mitte heraus, und schafft dadurch Raum für Seine Schöpfung.
Ist Er denn nun nicht mehr unendlich? Existiert Er dort, in jenem rätselhaften Hohlraum in Seiner
Mitte, nicht mehr? Oh doch, Er existiert, gerade auch dort, wo Er verborgen scheint, wo man Ihn
abwesend wähnt. Ein faszinierender Gedanke ist, dass das Wort »Olam« (Welt) auf dieselbe
Wortwurzel zurückgeht wie »Ewigkeit« einerseits und »Verborgensein« andererseits. Hier bekommt
der Ausdruck von »Hester Panim«, dem Verborgensein von G’ttes Anwesenheit, eine ganz neue
Dimension.
Was geschieht nun in diesem Hohlraum? Wie unterschiedliche Emanationen von Licht darin Gefäße
(Kelim) entstehen lassen, warum ein Teil davon zerbricht und mit den Scherben (Klipot) die Kräfte
des Bösen in die Welt kommen, und ob die Vorstellung von Zimzum nun wörtlich aufzufassen ist
oder eine rein symbolische Beschreibung darstellt, darüber – und über zahlreiche weitere Aspekte –
haben die Kabbalisten vieler Jahrhunderte umfangreiche Werke verfasst, mit teils unterschiedlichen
Schlussfolgerungen.

Tikkun Olam

Grundgedanken hieraus beinhalten unter anderem eine Mitverantwortung des
Menschen für die »Reparatur« der Welt (Tikkun Olam) und ein Aufwärtsstreben des Menschen
durch ein Hinter-sich-Lassen der materiellen Welt und der Zuwendung zur spirituellen Sphäre, mit
dem Ziel, die g’ttliche Weisheit (Chochma) zu erreichen und schließlich mit dem Ewigen eins zu
werden.
Dies ist ein aktives Unterfangen; der Mensch erlangt es nicht durch Passivität. Denn der Ewige hat
den Raum in sich dafür geschaffen, um dem Menschen einen freien Willen für sein Tun
zuzugestehen. Damit ist gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, dass der Mensch sich nicht für das
Gute, sondern für das Böse entscheidet. Das bedeutet aber keineswegs, dass das Böse eine Kraft
außerhalb der Herrschaft des Ewigen ist, eine Macht, über die Er keinen Einfluss hätte.
Wenn man sich Ejn Sof als reines, alles erfüllendes Licht vorstellt, gibt es keinen Raum für
Schatten. Durch Zimzum wird diese Gleichförmigkeit unterbrochen, was eine Polarisierung
ermöglicht, nämlich zwischen Din und Rachamim, zwischen strengem Gericht und liebender
Barmherzigkeit.

Wegweiser

Zum Licht gesellt sich nun als Begleiter der Schatten – wodurch das Licht umso
erstrebenswerter wird. Der Ewige hat uns Seine Tora gegeben, als Wegweiser zum Licht, während
Er gleichzeitig auch Herr über den Schatten, über die Dunkelheit ist. Er will, dass wir Seine
Weisungen nutzen, um zu Ihm zurückzustreben.
Das Ziel ist, Ihm nahezukommen, ja, eins mit Ihm zu werden. Dann ist eines Tages Ejn Sof wieder
eine Ganzheit, wie vor dem Zimzum, so wie es im Adon Olam heißt: Er war, bevor irgendetwas
erschaffen war, seit der Schöpfung ist Er unser König, und nachdem alles endet, wird Er allein
regieren; Er war, und Er ist, und Er wird sein. Keine Zeit und kein Raum beschränken Sein Dasein.
Er ist der Ewige.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 17.7.2014.

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