hauptmotiv

Liberales Judentum in der Einheitsgemeinde

Zur Jubiläumsfeier des Egalitären Minjan in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M.

Gegen Widerstände bildete sich vor 20 Jahren der Egalitäre Minjan – jetzt ist er Vorbild für andere Gemeinden

Von Martin Steinhagen (Jüdische Allgemeine)

Einheitsgemeinde war sicherlich das Wort des Abends. In allen Reden anlässlich des Festakts zum 20-jährigen Bestehen des Egalitären Minjans der Jüdischen Gemeinde Frankfurt spielte das Bekenntnis dazu eine Rolle. Bei der Feier am Sonntagabend im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum erinnerten die Redner an die Anfänge des »Frankfurter Modells«, seine Wirkung über die Stadtgrenzen hinaus, aber auch an die Aufgaben, die sich für die Zukunft stellen. Vielfach wurde auf die Bedeutung der Rolle von Frauen verwiesen und Ignatz Bubis gewürdigt, der Gemeindevorsitzender war, als der Egalitäre Minjan 1995 gegründet wurde.
Der Egalitäre Minjan Frankfurt sei ein Beispiel dafür, »in welche Richtung die Entwicklung jüdischer Gemeinden in Deutschland gehen kann«, sagte Rabbiner Henry G. Brandt. Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz wies darauf hin, dass das Frankfurter Modell eigentlich kein Novum ist: »Es war ein Schritt zurück in eine Welt, die vor dem Krieg schon existierte.« Das Wort Einheitsgemeinde habe jedoch später vielfach als »Feigenblatt« gedient, obwohl doch eine partikulare Richtung vertreten und die je andere nur toleriert wurde.

Vision

Deshalb sei dieses Konzept eben auch »ein großer Schritt vorwärts« gewesen. Es stelle sich die Frage, sagte Brandt, ob eine Entwicklung hin zu einer Einheitsgemeinde, »wie sie hätte sein sollen«, hin zu einer Begegnung auf Augenhöhe und einer freien Wahl für die Mitglieder möglich werde. Es gelte, einen intellektuellen und theologischen Dialog zu führen, um ein Judentum »für dieses Jahrtausend« zu entwickeln. Der Weg der Frankfurter Gemeinde, der bereits Nachahmer gefunden habe, müsse weitergegangen werden. »Es war visionär, es war mutig, es lebe Frankfurt!«, schloss Brandt seine Rede.
Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagte, es sei vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen, dass bei der Feier eines Egalitären Minjans der Gemeindechor singt. Allein an der »Selbstverständlichkeit, mit der Sie diese Veranstaltung heute machen, merken Sie schon, wie viel sich bewegt hat«. Er erinnere sich noch an eine Diskussion im Gemeinderat, als die Gruppe, aus der der Egalitäre Minjan hervorging, einen Raum suchte. »Es könnte doch ein, zwei, drei Strömungen geben«, habe Bubis damals bemerkt.
Das sei bei der »Opposition« im Gemeinderat nicht gut angekommen, die gefragt habe, was der Gemeinderabbiner denn dazu sage. »Das muss er aushalten«, sei Bubis’ Antwort gewesen. Der Gemeinderat sei aber auch »schrecklich neugierig« gewesen, und so habe das Neue eine Chance erhalten.

Kleinod

Den Egalitären Minjan bezeichnete Feldmann als »Kleinod«. Er fühle sich auch selbst der liberalen Synagogengemeinde verbunden. »Etwas Schliff« brauche die Einheitsgemeinde aber noch. Bei der Beerdigung seines Vaters habe Daniel Kempin, Chasan des Egalitären Minjans, auf dem jüdischen Friedhof die Internationale auf Jiddisch singen wollen, was ihm nicht erlaubt wurde. Feldmanns Vater wurde schließlich auf einem anderen Friedhof beerdigt. »Ich hoffe, dass so etwas in Zukunft nicht mehr nötig ist.«
An eine große Kontroverse im Gemeinderat könne er sich nicht erinnern, sagte Marc Grünbaum, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Alle Beteiligten hätten mit Überzeugung für das Modell der Einheitsgemeinde gestanden, allen voran Bubis, aber auch der damalige Gemeinderabbiner Menachem Halevi Klein und diejenigen Gemeinderatsmitglieder, die der von Feldmann angesprochenen Opposition angehörten, wie Grünbaum selbst.

Modell

»Als Idealtypus stellt die Einheitsgemeinde letztlich die Vereinigung der Juden aller Strömungen und Ausrichtungen unter einem Dach dar«, zitierte Grünbaum aus einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Dezember. Das Modell sei »Grundlage jüdischen Lebens in Europa«, so der Jurist weiter. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Intoleranz »müssen wir als jüdische Gemeinden Toleranz leben«. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt sei stolz auf 20 Jahre Egalitären Minjan.
Die Jubiläumsfeier fiel auf den Weltfrauentag. Darauf verwies Barbara Traub, Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden, in ihrer Rede: Die Gründung des Egalitären Minjans habe sehr viel mit Frauen und ihrer Rolle in der religiösen Praxis zu tun. Auch Traub hob hervor, dass das Frankfurter Modell als Vorbild diente: Die Gründung einer liberalen Gruppe in Stuttgart, die sie miterlebte, sei davon geprägt gewesen.

dach

»Die Einheitsgemeinde sollte ein Dach sein«, sagte Traub. Alle Juden, auch säkulare, sollten sich dort wiederfinden können. Die Gemeinden befänden sich »nach dem Geschichtsbruch der Schoa« noch immer im Wiederaufbau: »Spaltung und Bruch schwächen uns.« Die Bedeutung der Auseinandersetzungen um die Rolle der Frau betonte auch Susana Keval. Sie ist Gründungsmitglied des Egalitären Minjan und heute leitende Redakteurin der Gemeindezeitung. Es sei für sie eine »geradezu revolutionäre Handlung« gewesen, dass 1993 anlässlich Simchat Tora in Heidelberg Frauen die Torarollen tragen durften.
Sie dankte Brandt, der damals dort Rabbiner war, und musste ihre Rede wegen des Beifalls im Saal kurz unterbrechen. Keval erzählte auch vom ersten Jom Kippur der Gruppe, das in einem angemieteten Raum und mit einer ausgeliehenen Kinder-Torarolle gefeiert wurde. Sie habe damals die Predigt einer feministischen Rabbinerin, in der Gott als ältere Frau und Mutter beschrieben werde, zitiert – im Bewusstsein, dass dies den ein oder anderen Zuhörer »heftig irritieren könnte«. Der Abend sei aber dennoch »ganz harmonisch« verlaufen.

Grenzen

Zu der damaligen Vision, das religiöse Leben in Deutschland auszudifferenzieren, habe ebenso gehört, die »Rolle der Frau neu zu ordnen«. Auch wenn die Trennlinie zwischen den verschiedenen Strömungen immer noch entlang der Positionen zur Rolle der Frau verlaufe, würden die Grenzen zunehmend verschwimmen. »Die Ausdifferenzierung ist gelungen.« Der Egalitäre Minjan sei innerhalb der Gemeinde aber immer noch nicht vollständig gleichberechtigt, sagte sie. »Ich wünsche mir, dass die Gemeindemitglieder das Frankfurter Modell mittragen.« Alle müssten die je eigenen Standpunkte »ein Stück weit in Frage stellen«, damit ein Judentum entstehen könne, das »unserer Realität im 21. Jahrhundert entspricht«.
Wenn Israelis in Frankfurt zu Besuch seien, seien diese oftmals ganz erstaunt, dass hier alle unter einem Dach in der Westend-Synagoge vereint seien, sagte die Rabbinerin des Egalitären Minjans, Elisa Klapheck. Sie erkläre den Gästen dann das Frankfurter Modell und stelle fest, wie stolz sie darauf sei. Als Juden der zweiten Generation in Deutschland »stehen wir nicht mit leeren Händen da«, sagte sie: »Wir haben etwas anzubieten.«
Klapheck erinnerte an den offenen Brief David Hartmans an die Reformrabbiner, im dem er geschrieben habe, »die Orthodoxie braucht die liberalen Rabbiner zur Inspiration und umgekehrt«. Es benötige nach der Gründung Israels eine Theologie eines »Zuhauses, wo wir verschieden sind«. Das gelte auch für das jüdische Leben in Europa.
Der Egalitäre Minjan ist für die Rabbinerin auch als »Ort der Umkehr« von Bedeutung: Es gebe viele »Rückkehrer«, die bisher »irgendwo zwischen säkular und indifferent« waren, jetzt aber »den Weg zu uns finden«. Umkehr sei nicht im Sinne von Buße zu verstehen, sondern als Hinwendung zu einem »demokratischen, pluralistischen Judentum«. Sie wünschte all denjenigen, die »sich für die Zukunft eines pluralistischen Judentums engagieren«, dass sie »mit einem langen Atem gesegnet seien«.
Kontakte Zum Abschluss des Festakts stimmt Chasan Daniel Kempin das »Osse Shalom« an – nach einer Melodie, die er in den Gründungsjahren komponiert hatte. Auch nach der offiziellen Feier wurde im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum über das Frankfurter Modell noch weiter diskutiert.
»Für mich bedeutet es, dass ich mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen in Kontakt kommen kann und dass sie alle ein jüdisches Leben in Frankfurt leben können«, sagte ein Student, der regelmäßig die liberale Synagoge besucht. Hanna Liss, die an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg lehrt, aber in Frankfurt lebt, interpretiert das Modell als »ein Zeichen erneuerten Selbstbewusstseins der Gemeinde – aber auch eines neuen Selbstbewusstseins der Frauen«.

Jüdische Allgemeine 12.3.2015 – von Martin Steinhagen

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