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Die Situation des liberalen Judentums in Europa

Anlässlich der Konferenz der Europäischen Union für Progressives Judentum (EUPJ) in Dresden - ein Interview mit Vize-Präsident Rabbiner Walter Homolka

Von Yvonne Jennerjahn, dpa

Herr Homolka, was sind im Moment die drängendsten Fragen für das liberale Judentum in Europa?
Das liberale Judentum ist weltweit die am schnellsten wachsende Strömung des Judentums, gerade auch in Nordamerika sind die Zuwachsraten hoch. Aber auch in Europa nimmt die Zahl liberaler Jüdinnen und Juden zu. Überhaupt entwickelt sich Europa immer mehr zu einer eigenständigen Stimme innerhalb des Judentums weltweit, das nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem von den USA und Israel geprägt gewesen ist. Hier müssen wir gerade auf dem europäischen Kontinent daran arbeiten, damit unsere Meinung auch gehört wird. Innerhalb unserer Gemeinden liegt uns weiterhin auch daran, mehr junge Menschen für das Amt des Rabbiners und Kantors zu interessieren. Hier ist der Bedarf nach wie vor groß, auch international gesehen. Der 2013 eröffneten „School of Jewish Theology“ der Universität Potsdam kommt dabei eine zentrale Rolle in Europa zu. Auch weil wir in Deutschland für das Studium keine Studiengebühren erheben.

Wo sehen Sie in Europa derzeit die größten Probleme für jüdische Gemeinden?
Der Antisemitismus in der Bevölkerung nimmt weiter zu. Frankreich mit knapp 28 Prozent, Polen mit 50 Prozent und Ungarn mit 69 Prozent sind hier besondere Brennpunkte. Außerdem müssen wir immer wieder gleiche staatliche Rechte für alle jüdischen Strömungen einfordern. Hier ist seit der Novellierung des Israelitengesetzes im Jahr 2012 Österreich unser Sorgenkind, vor allem aber Ungarn, dessen Kirchengesetz von 2011 gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Auf der Krim sind unsere Gemeinden großen Spannungen ausgesetzt, unsere Synagoge geschändet, auf dem jüdischen Friedhof hat es prorussische Schmierereien auf den Grabsteinen gegeben. Der liberale Rabbiner von Simferopol hat vor dem Referendum die Flucht ergriffen aus Angst vor russischen Repressalien. Wie es in Russland und der Ukraine mit unseren Gemeinden weitergeht, beschäftigt uns gerade sehr.

Wo hat sich die Lage besonders positiv entwickelt?
In Großbritannien sind wir traditionell stark mit mehr als 30 Prozent liberalen Juden in den Gemeinden. Die meisten Neugründungen von Gemeinden gibt es aktuell in Spanien. In der Schweiz feierte die liberale Plattform soeben zehnjähriges Bestehen. In Polen haben die Wahlen innerhalb der Warschauer Jüdischen Gemeinde eine Mehrheit für das liberale Judentum ergeben. Mehrere polnische Gemeinden arbeiten gut mit liberalen deutschen Gemeinden zusammen. Die kommenden Jahre wollen wir schwerpunktmäßig an der positiven Entwicklung Polens arbeiten. Deshalb ordiniert das Abraham Geiger Kolleg dieses Jahr seine Absolventen in Wroclaw, dem früheren Breslau. Und das Kolleg feiert dieses Jahr 15 Jahre seines Bestehens. Auch das ist eine besonders erfreuliche Entwicklung!

Für welche Anliegen des liberalen Judentums wünschen Sie sich mehr Unterstützung – und von wem?
In Ungarn geschieht durch die gerade bestätigte rechtsnationale Regierung Viktor Orbáns wenig, um die 70 Prozent Antisemitismus in der Bevölkerung einzudämmen. Gleichzeitig wird das liberale Judentum dort durch das Kirchengesetz von 2011 diskriminiert. Am 8. April hat der Europäische Menschenrechtsgerichtshof Ungarn deshalb verurteilt. Wir wollen Gleichberechtigung in Ungarn. Das wird nur durch Druck auf EU-Ebene zu erreichen sein. Wir sind mit dem Auswärtigen Amt im Gespräch, damit Deutschland noch mehr tut, um Ungarn zu bewegen, die europäische Wertegemeinschaft zu respektieren.

Unter dem Motto „Faith in Action – Aus dem Glauben handeln“ treffen sich rund 300 Delegierte aus 20 Ländern Europas bis Sonntag noch in Dresden zu einer Konferenz der Europäischen Union für Progressives Judentum (EUPJ). Walter Homolka ist Vize-Präsident der EUPJ.


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