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Gottesteilchen

Von Rabbiner Tom Kučera  

(Anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Physik: Erwartung der 'Gottesteilchen' - schon in 2012?, erschienen am 4.1.2012 in der Jüdischen Allgemeinen)

Eine alte chassidische Tradition erachtet die Tora als geheimnisvoll, weil sie neben dem sichtbaren Text der Buchstaben auch den unsichtbaren Text des weißen Hintergrunds enthalte. Dementsprechend kann behauptet werden: Als die Tora dem Menschen die Eroberung der Erde auftrug, mag sie an den breiteren kosmischen Kontext gedacht haben, der viel später zum Vorschein kam: Erde, Sonnensystem, Milchstraße, Galaxiengruppen, Superhaufen – bis uns schwindlig wird, wie wahrscheinlich schon Awraham Awinu, dem der Ewige sagte: Schau zum Himmel und zähle all die Sterne, wenn du kannst.

Letztes Jahrhundert brachte uns etwas Neues dazu: eine Verbindung zwischen den unermesslichen Dimensionen des Makrokosmos mit den geheimnisvollen Dimensionen des Mikrokosmos. Davon überzeugt uns auch CERN, das weltgrößte Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik nicht weit von Genf (der Name selbst ist eine französische Abkürzung für die europäische Organisation für Kernforschung).

CERN ist bekannt durch seinen Teilchenbeschleuniger, in dem möglichst hohe Energien und möglichst hohe Zahl der Partikelkollisionen erreicht werden sollen, damit unsere Suche, unsere Jagd nach den Higgs-Partikeln fortgesetzt werden kann. Sie wurden theoretisch schon von mehr als einem halben Jahrhundert vorgeschlagen und warten immer noch auf ihre endgültige Bestätigung. Ihre Bedeutung liegt in der Vervollständigung. Den Physikern wird nachgesagt, sie lieben eine Einfachheit: Die Higgs-Partikel liefern eine elegante Erklärung, wie die elektromagnetische Kraft mit der schwachen Kraft des Partikelzerfalls und der starken Kraft der Atomkerne zu vereinbaren ist. Die (vierte und letzte) Gravitationskraft ist zwar nicht dabei, trotzdem sind die Higgs-Partikel das letzte fehlende und noch nicht bewiesene Stück des Standardmodels, das unser Universum einheitlich aufgrund der Wechselwirkungen von insgesamt 17 Elementarteilchen (zwölf Partikel der Masse – sogenannte Fermionen – und fünf Partikel der Kräfte – sogenannte Bosonen) beschreibt.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir besser, warum die Higgs-Partikel (Higgs-Bosonen) populär als „Gottesteilchen“ (vom jüdischen Nobelpreisträger Leon Lederman) genannt wurden: Mit ihnen wird versucht, unsere Welt einheitlich mit einem einzigartigen System zu definieren. Damit ist der beliebte Text von Adon olam zu vergleichen, den wir so gerne am Ende jeder Tefilla singen. In dessen dritte Strophe beteuern wir, Gott sei einzig und ihm gleiche nichts, um sich ihm zuzugesellen. Diese sowohl religiöse als auch wissenschaftliche Einheit ist einfach und schön. Das Adverb „einfach“ soll uns dabei nicht täuschen: Die Higgs-Partikel mögen durch komplexe Wechselwirkungen allen anderen Partikeln die Masse verleihen. Diese komplizierte Einheit ist überwältigend und attraktiv.

Darum alle diese Mühe in CERN: weil wir wissen wollen, wie unser Universum funktioniert. Die erste Bitte der Amida an einem Wochentag ist um die Einsicht (Bina) und endet mit dem Wunsch für die Erkenntnis (Da´at und D´ea). Damit noch nicht genug, bringt diese Bracha noch das vierte Substantiv Vernunft (Sechel). Kann man sich eine größere Einladung unserer Tradition zum kognitiven Erobern vorstellen? Doch um welchen Preis geschieht diese Einsicht, Erkenntnis und Vernunft bei der Suche nach den Higgs-Partikeln? Der erste Beschleuniger wurde im Jahre 1929 von einer Person für 25 Dollar gebaut, der CERN-Beschleuniger 80 Jahre später kostete der internationalen Gemeinschaft zehn Milliarden Dollar. Die Wissenschaft kann heutzutage eine zehnfach höhere Energie als in CERN erreichen, es wäre nur zehn Mal teurer. Bis zu welcher Grenze werden die Länder der Welt bereit sein zu gehen, um Erkenntnis (Da´at) zu erlangen? Möglicherweise wird es auch nötig sein, um die Higgs-Partikel endgültig nachzuweisen. Einige Higgs-Zerfälle mögen sogar schon beobachtet sein. Der Energiebereich der Higgs-Partikel wird mehr und mehr eingegrenzt.
Um jedoch ganz sicher zu sein, werden entweder mehr Daten oder mehr Analysen der vorhandenen Daten gebraucht. Das kann sich hinziehen. In Tevatron, dem ärmeren und jetzt schon geschlossenen Bruder von CERN nicht weit von Chicago, wurde die letzte Proton-Antiproton-Kollision im September 2011 durchgeführt. Ihre Datenanalyse soll jahrelang dauern.

Diese wissenschaftliche Unsicherheit in Bezug auf das Endergebnis ist tatsächlich spannend. Es kann sich nämlich zeigen, dass es überhaupt keine Higgs-Partikel gibt und dass die Wissenschaft wesentlich umdenken muss. Einige kritische Physiker spekulieren sogar über eine „Energiewüste“, die zwischen dem jetzigen Gebiet und dem Gebiet einer ganz neuen Physik bestehen mag. Obwohl die Mehrheit auf die Bestätigung des Standardmodells hofft, herrscht immer noch eine Unsicherheit. Diese ist am besten mit Hoffnung durchzuhalten. Oder mit einer weiteren Mühe. Beide sind einige der vielen Punkte, in denen Wissenschaft und Religion zusammenlaufen.

Auch wenn die Angst vor der Energiewüste am Ende real werden sollte, denke ich, dass uns CERN eine wichtige Lehre gebracht hat. Das riesige Team der 10 000 Wissenschaftler aus 85 Nationen (Israel ist auch dabei) ist nämlich selbst Ziel der soziologischen Untersuchungen: Wie kann so eine große Schicksalsgemeinschaft mit höchst ambitiösen Leuten funktionieren? Das Ergebnis der Beobachtungen sagt: Autorität stützt sich auf Expertise, nicht auf Positionen. Es gibt keine Chefs, sondern Koordinatoren und gewählte Sprecher. Sie geben keine Anweisungen, sondern versuchen, zu überzeugen und Konsens zu schaffen. Es ist ein modernes Beispiel des Triumphs des Kollektivs. Auf den Triumph seiner Arbeit müssen wir wahrscheinlich noch etwas warten.

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