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Predigt zum Israel-Sonntag im Berliner Dom

Von Rabbiner Henry G. Brandt

4. August 2013

Meine lieben Anwesenden,
liebe Zuhörer,

ich entbiete Ihnen den Gruß des Friedens: Shalom.
Es ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit, wenn ein Rabbiner – Vertreter des jüdischen Glaubens – als Gast im Berliner Dom die Predigt hält, selbst am zehnten Sonntag nach Trinitatis, Israel – Sonntag.
Das es erfreulicherweise so ist, zeigt an, in welcher, man könnte sagen – revolutionärer Weise – sich die Beziehung zwischen unseren Konfessionen nach Jahrhunderten der Vergegnung verändert und verbessert haben. Diese Entwicklung eröffnet uns G’tt Lob wieder den Blick auf viele grundsätzliche Gemeinsamkeiten, welche Feindschaft und Gehässigkeit über Jahrtausende verstellt hat. Darunter der Tatbestand, dass für beide, Christen und Juden, das gleiche Heilige Buch als Eckstein unserer Existenz steht, zumindestens was wir als hebräische Bibel oder Altes Testament kennen. Natürlich werden viele der Texte, Gebote und Verbote, Prophezeiungen, Psalmen und geschichtliche Berichte je nach Konfession unterschiedlich verstanden und kommentiert. Erst jetzt und langsam entdecken wir wieder, dass viele dieser vermeintlichen Unterschiede gar nicht wesentlicher Natur sind, wobei man redlicher Weise bekennen muss, dass im Kern doch bestimmte Spannungen unlösbar bestehen bleiben und Verschiedenheiten weiter existieren.

Für einen jüdischen Menschen stellt der erste Teil der Bibel - die fünf Bücher Moses, die Thora – den unreduzierbaren Kern der gesamten religiösen Literatur dar. Ob man sie als Offenbarungsdokument oder als durch Menschen tradierte g‘ttliche Inspiration versteht, sie zeigt uns jedenfalls in Grundzügen und unüberhörbar die Absichten des Schöpfers alles Seins, wie wir unser Leben in der Praxis in unserer jeweiligen Realität gestalten sollen.

Die Thora wurde in erster Linie Israel gegeben. Jedoch – über die Teile hinaus, die sich offensichtlich ausschließlich an Israel wenden – richtet sie sich an alle und will eine Lehre für alle Menschen sein.
Diese Sichtweise hat für den gläubigen Menschen unausweichbare Folgen: die g’ttliche Lehre ist und bleibt für ihn das eigentliche „Grundgesetz“ jedes gesellschaftlichen Zusammenschlusses und er erwartet, dass sie das Fundament jeglicher Konstitution sei, die die Menschen für sich selber schreiben. In der Praxis ist dies wahrscheinlich schwer durchzuhalten, aber in der Tendenz sollte dies nicht aus den Augen verloren werden, denn wir haben aus bitterer Erfahrung gelernt: wenn die prinzipiellen ethischen Grundwerte, die uns die Bibel vermittelt, sich nicht in der Gesellschaft wiederfinden, drohen die Katastrophen, die wir ja in den vergangenen Jahren zuhauf erfahren haben.

Denken wir in diese Richtung weiter: Wir erleben heutzutage eine starke Tendenz, alles Religiöse und damit auch die sozialen Lehren der heiligen Schriften in die Privatsphäre zu verdrängen. Viele meinen – und wollen es auch umgesetzt wissen,  dass die höchste Instanz bei der Festlegung der in der Gesellschaft gültigen Werte menschlicher Verstand und Wollen sind. Dies kann nicht einfach unwidersprochen so hingenommen werden, denn für Christen sowie Juden muss der Gradmesser des gesellschaftlichen Miteinanders und der Beziehung zwischen Mensch und Schöpfer die biblische Lehre in ihrer dynamischen Interpretation bleiben.

Lassen Sie mich etwas spezifischer werden: Im 8. Kapitel des 5. Buch Moses finden wir einen Satz, der bereits zum geflügelten Wort geworden ist: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, jedoch wird meist vergessen den zweiten, genauso wichtigen Teil dieses Satzes hinzuzufügen: „sondern der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“. Und ein paar Verse später lesen wir: „Du sollst auf die Gebote  Deines Herrn, Deines G’ttes, achten, auf seinen Wegen gehen und ihn fürchten.“ Um das weiter zu präzisieren und für unsere Zeit relevant zu gestalten, zitiere ich weiter aus dem gleichen Kapitel: „Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist und prächtige Häuser gebaut hast und sie bewohnst, wenn deine Rinder, Schafe und Ziegen sich vermehren und Silber und Gold sich bei dir häuft und dein gesamter Besitz sich vermehrt, dann nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den Herrn, deinen G’tt, nicht vergisst. […] Dann nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft erworben. Denk vielmehr an den Herrn, deinen G’tt: Er war es, der dir die Kraft gab, Reichtum zu erwerben.“

Es fällt uns nicht schwer diesen Text in sozusagen „moderne“ Sprache zu übertragen. Die primitiven Götzen und Götter der Antike sind ersetzt worden durch die Dinge, denen viele Menschen heute zu Füssen liegen und die sie als das Bewegende und Maßgebliche für unsere Zeit betrachten. Es fällt uns bestimmt leicht, für die Rinder, Schafe und Ziegen des alten Textes die Insignien der Macht und des Reichtums unserer Zeit zu setzen: herrliche Villen, Yachten wie Ozeanriesen, die teuren Autos und das Riesenbüro im obersten Stockwerk, die Zahl der Bodyguards und die üppigen Konten in Steueroasen u.v.m.

Erinnert uns die Bibel immer wieder an die Sklaverei in Ägypten, würde sie heute gegen die Sichtweise protestieren, welche die Mehrheit der Menschen zur Dispositionsmasse degradiert. Es ist doch kristallklar, dass diese biblischen Mahnungen gegen Arroganz, Übermut, Selbstherrlichkeit und die Illusion der unendlichen Macht auch in unserer zeitgenössischen Erfahrung ein Echo findet, ähnlich wie auch die oft fatalistisch mit einem Achselzucken akzeptierte Vorstellung, dass man Redlichkeit und Wahrheitsliebe auf dem Altar des politischen Opportunismus opfern darf – ja, muss! Das kategorische Gebot der Bibel „euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein“ hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.

Keineswegs möchte ich vor Ihnen als Traumtänzer stehen und den Eindruck erwecken, ich wüsste nicht, dass gerade religiöse Institutionen im Laufe der Geschichte es den säkularen „Ismen“ an Verderblichkeit und Gewalt gleichgetan hätten. Nicht ohne Grund behauptet man, dass die Religionen die schlimmsten Kriege entfacht hätten. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass die Lehren im Kernbereich des Glaubens falsch waren, sondern dass sie gerade von den Institutionen, die sie zu Geltung hätten bringen sollen, verletzt und verraten wurden. Diese Sünden der Vergangenheit dürfen und können uns nicht davon abhalten darüber nachzudenken, wie wir – Juden und Christen – dazu beitragen können, Bescheidenheit und Verantwortungsbewusstsein wieder Grundtugenden unseres Gesellschaftslebens werden zu lassen und wie die Lehren der Bibel wieder als Fundament unserer Gesellschaftsordnungen und deren Recht zur Geltung kommen können.

Wenn wir den vorher zitierten Text in Erinnerung rufen und noch einmal überdenken, bemerken wir: er enthält keine Anklage gegen Reichtum und Besitz und verherrlicht nicht die Armut als gesellschaftliche Tugend. Nein, viele Stellen der Heiligen Schrift zeigen auf, dass sie einfach eine Beziehung herstellt zwischen „Haben“ und „Sollen“. Je mehr der Besitz und die Macht, desto größer die Verantwortung für den Nächsten und die Schöpfung, und je weniger gesegnet mit Gütern, desto mehr das Recht auf die Unterstützung der Anderen. Wobei auf jedem die Verpflichtung ruht das für ihn Bestmögliche aus eigener Kraft zu tun.

Meine lieben Anwesenden, liebe Zuhörer, ob Juden oder Christen, als Menschen des Glaubens ist es unsere moralische wie gesellschaftliche Verantwortung defaitistische Gedanken, dass Religionen für unsere Zeit nicht mehr relevant sind, eine eindeutige Absage zu erteilen. Gerade jetzt, da viele Menschen an Politikverdrossenheit leiden und ihre Verankerung im Leben verloren haben, können religiöse Konfessionen eine Führungsrolle übernehmen, indem sie die alten, aber immer neu gültigen Werte der Bibel nutzen und klare Stellungen zu den brennenden Fragen unserer Zeit beziehen, und richtungsweisende Lösungen anbieten. Natürlich mit kosmetischen Änderungen in Ritual und G’ttesdienst und unnützen Anpassungsversuchen an das Modische ist es beileibe nicht getan. Eigentlich denke ich, ist eine Rückkehr zu den Grundwerten notwendig, auch wenn dies manchmal Verzicht und mehr Bescheidenheit verlangt. Die meisten Menschen sind bereit, auch einen schwereren Weg zu folgen, wenn ihnen der Sinn der Sache auch klar ist. Hier stehen wir – Juden und Christen – vor einer gemeinsamen Herausforderung. Unsere Theologen und Gelehrte, die Professoren und Dozenten, werden sich weiter über die Feinheiten der Gemeinsamkeiten und auch der Unterschiede den Kopf zerbrechen – und das ist auch gut so. Doch auf einer weiteren Ebene können und müssen wir den vorher angedeuteten Herausforderungen unserer Zeit begegnen. Vorausgesetzt, wird sind auch bereit ehrlich zu uns selbst zu sein.

Die Stimme der Bibel ist oft überlagert worden durch die Kakophonie gieriger und machthungriger Menschen. Wir können dazu beitragen, dass diese Stimme im Diskurs zur Gestaltung unserer Gegenwart und Zukunft wieder zur Geltung kommt. Daran können wir – müssen wir – in einträchtiger Gemeinsamkeit  arbeiten.

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