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"Die Signale stehen weiterhin auf grün"

Ein Gespräch mit Rabbiner Henry G. Brandt in der "Herder Korrespondenz"

Das Urteil über die Beschneidung von Jungen und eine Reihe antisemitischer Vorfälle hatten jüngst zu Unruhe in der jüdischen Gemeinschaft hierzulande geführt. Über die Hintergründe, die gegenwärtige Situation in den Gemeinden und das christlich-jüdische Verhältnis heute sprach Stefan Orth ("Herder Korrespondenz") mit Rabbiner Henry G. Brandt.

HK: Rabbiner Dr. Brandt, nach einem Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen wurde zuletzt davor gewarnt, dass bei einem allgemeinen Verbot dieses Rituals jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich wäre. Wie groß ist die Verunsicherung in den Gemeinden?

Brandt: Abschließend kann man das im Moment noch nicht beurteilen, aber ich habe die große Aufregung nie geteilt. Solche Probleme haben die Tendenz, sich nach einer gewissen Zeit von alleine zu erledigen. Manche jüdischen Persönlichkeiten oder auch Organisationen reagieren in solchen Fällen eher aktivistisch, neigen zur Panikmache und stellen sofort die Existenz der Juden in Deutschland infrage. Man sollte lieber abwarten, wie sich die Dinge entwickeln, bevor man große Worte spuckt. Im Großen und Ganzen hält sich die Unruhe inzwischen auch wieder in Grenzen. Man sieht ja auch, dass etwas geschieht. Wenn die Eckpunkte des jetzt vorliegenden Gesetzgebungsentwurfs der Bundesregierung umgesetzt werden, wird sich die Sache fast ganz in Wohlgefallen auflösen.

HK: Was sind die aus jüdischer Sicht wichtigen Punkte einer entsprechenden Regelung, damit Religionsfreiheit weiterhin gewährleistet ist?

Brandt: Entscheidend ist, dass Rechtssicherheit besteht und man die Beschneidung an Säuglingen bis zum achten Tag – oder aus gesundheitlichen Gründen gelegentlich auch etwas später – vornehmen lassen kann, ohne dass Eltern, der Mohel oder ein Arzt negative Konsequenzen befürchten müssen. Mich stört es nicht, wenn gewisse Auflagen damit verbunden sind; da wird man aber auch abwarten müssen, wie die orthodoxen Kollegen reagieren. Auch sie können das aber wohl durchaus akzeptieren, weil ein Mohel, der die Beschneidung vornehmen darf, entsprechend ausgebildet ist. Und es war schon seit Jahrhunderten eine Selbstverständlichkeit, dass die Eltern aufgeklärt werden, was eine Beschneidung in medizinischer Hinsicht bedeutet. Ohne den Willen der Eltern hat man nie beschnitten, auch wenn die Mütter dabei immer ein bisschen weinerlich werden. Genauso wichtig ist für mich als Rabbiner, dass nach dem letzten Kenntnisstand der Medizin vorgegangen wird und man dem Kind die beste und sicherste Behandlung angedeihen lässt. Es ging schließlich auch allen Eltern nie um eine leere Zeremonie, die man trotz besseren Wissens und Gewissens ausführen lässt, sondern um einen Akt zum Wohl des Kindes. Die Auflagen sind deshalb annehmbar. Wo es noch offene Fragen gibt, kann man diese diskutieren und zur Zufriedenheit aller lösen – außer natürlich der eingefleischten Antisemiten, die ein solches Gesetz nicht befriedigen wird.

„Für einen Muslim ist es relativ schwierig, Antisemit zu sein“

HK: Auf der einen Seite ist auch für Juden der liberalen Ausrichtung die Beschneidung essenziell für eine jüdische Identität. Auf der anderen Seite gibt es auch innerjüdische Wortmeldungen wie etwa des Historikers Michael Wolffsohn, die fragen, ob dieses Ritual wirklich notwendig ist oder nicht auch ersetzt werden könne. Sind das lediglich Einzelstimmen?

Brandt: Es ist auf jeden Fall eine sehr minoritäre Meinung. Es gibt immer jüdische Gelehrte, die auch gegen den Stachel löcken. Wahrscheinlich ist ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit daran schuld. Allerdings gibt es selbst im religiösen Judentum kein Thema, das nicht diskutiert werden darf. Das Judentum kennt keine Dogmen, die unbesehen angenommen werden müssen. Der einzige Satz, der dogmenähnlich ist und für einen religiösen Juden jedwelcher Couleur nicht zur Disposition steht, ist die Existenz und die Einheit Gottes. Darüber hinaus wird von den vielen unterschiedlichen Strömungen des Judentums alles diskutiert. Am Ende entscheidet die demokratische Mehrheit. Wir haben keine Obrigkeit, keinen Papst und keine Bischöfe, die uns ex cathedra sagen können, was Wahrheit ist. Da können die Rabbinen sagen, was sie wollen. Wenn das Volk nicht mitzieht, geht es einfach nicht. Seit Jahrhunderten ist deshalb Konsens: Man muss nach bestem Können die Schriften auslegen – und am Ende damit überzeugen. Man wird dann akzeptiert oder eben nicht. Darin ist der Respekt gegenüber den Gelehrten begründet.

HK: Das heißt im Fall der Beschneidung …

Brandt: Auch das Thema Beschneidung wurde in der Vergangenheit immer wieder einmal diskutiert, nicht zuletzt weil es – im wahrsten Sinne des Wortes – an die Substanz geht. Mit den Reformbewegungen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, als alles auf den Prüfstand kam, war freilich auch die Gefahr der Anpassung sehr groß. Bis heute gibt es durchaus minoritäre Tendenzen, an die Stelle der Beschneidung Ersatzhandlungen zu setzen. Sie werden sich aber auch im nicht-orthodoxen Judentum genauso wenig durchsetzen, wie der Vorschlag im vorletzten Jahrhundert, den Schabbat am Sonntag zu feiern. Selbst als es solche Sonntagsgottesdienste gab, wurde am Tag zuvor von Orthodoxen wie Konservativen und Liberalen der Schabbat gefeiert.

HK: In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde nach antisemitischen Vorkommnissen wie dem Angriff auf den Berliner Rabbiner Daniel Alter die Vermutung aufgestellt, die Beschneidungsdiskussion habe die „ohnehin sehr dünne Decke zerrissen“, unter der sich der Antisemitismus still verhalte. Ist wegen dieser Debatte jetzt verstärkt mit einem Antisemitismus in Deutschland zu rechnen?
Brandt: Man sollte den Angriff auf Rabbiner Daniel Alter oder die Anpöbelungen gegenüber Stephan Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden, oder ähnliche Übergriffe wie Schmierereien auf Friedhöfen nicht auf derselben Ebene sehen wie die Diskussion über die Beschneidung. Da gibt es keinen direkten kausalen Zusammenhang. Die Angriffe sind die Frucht eines vorher bereits wohlbekannten Phänomens. Zuzüglich zu dem immer noch existierenden alten Antisemitismus, den gewisse Ewiggestrige nach der Zeit der Nationalsozialisten nicht abgelegt haben, gibt es heute den aus der islamischen Ecke kommenden Antisemitismus auf dem Hintergrund der politischen Ereignisse im Nahen Osten.

HK: Was kennzeichnet diese neue Spielart der Ablehnung von Juden?

Brandt: Sie ist von der Wurzel her kein theologischer Antisemitismus. Für einen Muslim, der seinen Islam kennt, ist es relativ schwierig, Antisemit zu sein, weil die Schnittmenge zwischen Judentum und Islam recht groß ist. Es ist im Islam zudem ausdrücklich ein Vergehen, eine Religion des Buches anzugreifen.

HK: Wie aber lässt sich dieses Phänomen dann erklären?

Brandt: Es handelt sich um ein sehr komplexes Thema und eine komplizierte Gemengelage. Es geht mehr um Soziologie, religiöser Fanatismus spielt eine große Rolle, schließlich die Einflüsse aus dem Nahen Osten und der Türkei. Daraus resultiert ein schwer zu definierendes Gebräu. Deshalb wird es auch nicht leicht werden, dagegen anzugehen. Da ist eine riesige Aufklärungsarbeit zu leisten, die hauptsächlich aus der Mitte der Muslime selbst kommen muss, aus den gebildeteren, toleranteren, weitersehenden Schichten der Muslime, die es auch gibt. Sie müssen ihren jungen Leuten erklären, was der Islam ist – und was er in diesem Kontext lehrt. Alles andere wird verhältnismäßig wirkungslos verpuffen.

HK: Im Kontext der Beschneidungsdebatte kann diese Form des Antisemitismus ohnehin keine Rolle spielen, werden doch, wenn auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt, auch im Islam Jungen traditionell beschnitten …

Brandt: Tatsächlich spielt der islamische Antisemitismus hier gar keine Rolle, weil beim Thema Beschneidung der Islam sogar noch stärker im Blickfeld ist. Letztlich gehört das Lostreten dieser Debatte alles in allem eher in das xenophobische, anti-islamische Lager; die Juden wurden da gewissermaßen mit hineingezogen. Möglicherweise wäre dieses Urteil im Fall eines jüdischen Kindes, das am achten Tag beschnitten wurde, auch so gar nicht gefällt worden – zumal es um zahlenmäßig sehr wenige Fälle geht.

HK: Wo ist zwischen dem Antisemitismus der nationalsozialistischen Propaganda und dem etwa arabisch-stämmiger Heranwachsender der gemeinsame Nenner?
Brandt: Sie sind jeweils weitgehend autonom und können auch getrennt voneinander existieren, weil sie sich nicht gegenseitig bedingen. Dass es an den Rändern zu Kooperationen kommt, man sich gegenseitig ermutigt und teilweise auch gemeinsame Sache macht, ist eine andere Sache.

HK: Welche Ausprägung der Ablehnung von Juden ist aus jüdischer Sicht beunruhigender?
Brandt: Der von islamischer Seite geschürte Antisemitismus macht mir mehr Sorgen: erst einmal zahlenmäßig, aber auch, weil er gesellschaftlich schwieriger zu bekämpfen ist, da er so tief in politischen Prozessen wurzelt, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Angesichts dessen, was in Israel und den arabischen Ländern oder im Iran geschieht und nach Deutschland herüberschwappt, können wir nur wenig tun.

„Wenn alles so bleibt, steht jüdische Existenz in Deutschland nicht infrage“

HK: Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, zeigte sich in einem eindringlichen Zeitungsbeitrag unsicher, ob Juden in Deutschland nach den Ereignissen der vergangenen Monate überhaupt noch gewollt seien. Geht das vielen so?

Brandt: Einigen. Das Gros unserer Gemeinden besteht jedoch aus Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Viele dieser Diskussionen und Auseinandersetzungen gehen an ihnen vorbei, weil die Thematik nicht den Stellenwert hat wie bei den älteren ansässigen Juden hier. Beschnitten sind die meisten von ihnen sowieso nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass man zur Zeit – so wie die Sache steht – eine bemerkenswerte Anzahl Zweifel anmelden würde, ob man hier leben könnte. Ich will auch den Antijudaismus oder Antisemitismus nicht kleinreden, aber auch nicht als Gespenst herumlaufen lassen. Der Bodensatz von Antisemitismus, der sich gezeigt hat, hat natürlich ein Medienecho in beide Richtungen hervorgerufen. Aber welcher Artikel, der beruhigen und beschwichtigen will, wird schon aufmerksam gelesen? Insgesamt gibt es heute auch eine wehrhaftere Opposition gegen antisemitische Tendenzen. Gegen den nicht zuletzt auch christlich geprägten Antisemitismus haben wir gute Mitkämpfer in der deutschen Gesellschaft auf nicht-jüdischer Seite: auch bei den Kirchen. Wenn alles so bleibt, wie es ist, steht jüdische Existenz in Deutschland nicht infrage.

HK: In den vergangenen Jahren hatte man umgekehrt auch das Gefühl, dass mit jedem weiteren jüdischen Museum das Verständnis für das Judentum als Teil der deutschen Geschichte gewachsen ist.
Brandt: Überall wurden Bethäuser und Synagogen gebaut, mit großer Anteilnahme der Öffentlichkeit und der Politik. Bis hin zum Bundespräsidenten sind viele Staatsvertreter bei den Einweihungen dabei. Natürlich gibt es auch Opportunismus, aber im Großen und Ganzen sind das nicht einfach Sonntagsreden. Möglicherweise bin ich voreingenommen durch meine Erfahrungen in Augsburg. Natürlich gibt es hier auch Antisemiten, aber die Verantwortlichen von Stadt, Landkreis und Bezirk geben sich jedoch hier die Klinke in die Hand, mit einer mich überzeugenden menschlichen Wärme. Und wenn wir in der Synagoge eine Veranstaltung haben, strömen die Bürger der Stadt hierher. Es gibt beispielsweise in Augsburg schon länger das „Festival der 1000 Töne“, bei der das Eröffnungskonzert immer in der Synagoge stattfindet. Sie ist dadurch wieder stärker in den Mittelpunkt der Stadt gerückt. Grundsätzlich gibt es in Deutschland eine Atmosphäre des Willkommens. Warum hat denn die jüdische Gemeinschaft so viele Zuwanderer? Das war zum Großteil das Tun der Bundesregierung, die massiv – auch materiell – geholfen hat. Die öffentliche Hand insgesamt ist nicht gerade knauserig, wenn es um jüdische Projekte geht. Die finanzielle Unterstützung des Zentralrats wurde zuletzt erheblich aufgestockt. Die Signale stehen weiterhin auf grün.

HK: Was sind aus Sicht der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland die weiteren Themen, die nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, aber nicht weniger drängend sind?

Brandt: Die Probleme, die wir haben und mit denen wir uns hauptsächlich herumschlagen, sind die internen – nicht die Beziehungen zur Gesellschaft, zum Staat oder zu den Kirchen. Es geht immer noch vor allem um die Integration unserer neuen Mitglieder aus den ehemaligen Staaten der Sowjetunion. Es geht um die soziale Integration, die Altersstruktur und den mangelnden religiösen Hintergrund von vielen Zuwanderern – und deshalb auch um die mangelnde Ermutigung der jüngeren Generation vonseiten der Älteren, sich eine Identität im Judentum aufzubauen.

„Die Zuwanderung hat das Problem nicht behoben“

HK: Hier haben die jüdischen Gemeinden also faktisch durchaus vergleichbare Schwierigkeiten wie die beiden großen Kirchen im Land?

Brandt: Auch für manche bei uns ist es wichtiger, dass das Kind in die Ballettstunde geht als in den Religionsunterricht. Schließlich sind die Eltern als Kind auch nicht in die Synagoge gegangen. Junge Paare nehmen auch weniger am Gemeindeleben teil, weil sie oft materialistisch eingestellt sind. Die Gemeinde dient dann in erster Linie für das soziale Standing, erfüllt aber kein wirkliches religiöses Bedürfnis. Wie liberal Juden früher auch gewesen sein mögen: Sie sind mit den Eltern in die Synagoge gegangen, einmal die Woche Religionsunterricht war genauso selbstverständlich wie die Bar-Mizwa. Heute ist auch für uns die „Innere Mission“ von enormer Bedeutung. Da gibt es natürlich das Problem, dass Mentalitäten ganz unterschiedlicher Art auf kleinem Raum aufeinanderstoßen. Es gibt nicht wenige kleine jüdische Gemeinden, die zahlenmäßig wieder aufgelebt sind und fast nur aus Zuwanderern bestehen. Viele besitzen jedoch nicht die Erfahrung, was eine jüdische Gemeinde wirklich ausmacht. Manche verlieren deshalb das eigentliche Ziel aus den Augen und entwickeln sich mehr zu einer Art Kulturverein. Andere haben sehr wohl ihren Weg gefunden und leisten mustergültige Arbeit.

HK: Welche Rolle spielen dabei die Rabbiner, die zwischenzeitlich wieder in mehreren Einrichtungen in Deutschland ausgebildet werden?

Brandt: Es ist sehr hilfreich, dass wir inzwischen vermehrt jüngere Rabbiner haben. Auch Kantoren werden ausgebildet, was manches Mal noch wichtiger ist, weil sie den Gottesdienst leiten. Aber selbst hier gilt: Nicht wenige Gemeinden verspüren keinen Drang, auf Kosten eines Teils ihres Budgets einen hauptamtlichen Rabbiner einzustellen. Manchen reicht es, wenn am Wochenende jemand kommt, der einen Gottesdienst abhält. Eine die Existenz sichernde Anstellung dieser Rabbiner ist deshalb nicht immer gewährleistet.

HK: Wie groß ist angesichts dieser Zustandsbeschreibung die Gefahr, dass die Gemeinden in absehbarer Zeit überaltern und sich die positive Entwicklung wieder umkehrt?

Brandt: Die Zuwanderung hat eine Verbesserung mit sich gebracht, aber das Problem nicht behoben. Die Zuwanderung kam nicht in allen Altersstufen gleichmäßig und es sterben weiterhin mehr als geboren werden. Ein Vorteil für die großen Gemeinden in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und München ist, dass sie eigene Schulen haben, sodass man in ihnen auch eine größere Anzahl von Kindern antrifft. In anderen Gemeinden ist das schwieriger. Wenn keine weitere Zuwanderung kommt, wovon auszugehen ist, wird sich die Größe der jüdischen Gemeinschaft auf einem niedrigeren Niveau als jetzt einpendeln.

HK: Wird diese Entwicklung also folgerichtig das zuletzt infrage gestellte Konzept der Einheitsgemeinde von orthodoxen, konservativen und liberalen Juden wieder stärken, das für das Judentum nach dem Nationalsozialismus kennzeichnend war?

Brandt: Zur Einheitsgemeinde gehörten schon vor dem Zweiten Weltkrieg oft orthodoxe wie liberale Synagogen mit ihren jeweiligen Rabbinern, die aber wie zum Beispiel in Berlin unter einem Dach agierten und zentral verwaltet wurden. Nach dem Krieg dominierten in den Gemeinden die Überlebenden vor allem aus Osteuropa, die weitgehend orthodox geprägt waren. Andere weltanschauliche Strömungen waren nur geduldet und mussten sich der orthodoxen Lesart des Judentums beugen. Nachdem sich das liberale Judentum in Deutschland wieder etabliert hat und das konservative Judentum auf dem Weg dazu ist, wird die Frage aufgeworfen, in welche Richtung es in Zukunft weitergehen wird. Spannungen sind da programmiert.

HK: Und die wirken sich im Einzelnen wie aus für die jüdische Gemeinschaft?

Brandt: In Frankfurt und anderen großen Gemeinden ist es gelungen, die Liberalen besser zu integrieren, in anderen Städten gibt es eigene liberale Gemeinden, die durchaus Zuspruch haben. Entweder man findet wieder unter einem Dach zusammen, was gewisse Vorteile hat, oder wir bekommen in den größeren Städten eigenständige Parallelgemeinden. In den kleineren Gemeinden wird dann ein Minikulturkampf ausgetragen, bis sie sich entscheiden, welchen Weg sie einschlagen. Unterschiedliche Ausrichtungen in der Religion spielen aber für die meisten Zuwanderer keine oder nur eine geringe Rolle, weil sie selbst das Rüstzeug nicht besitzen, eine religiös-weltanschauliche Entscheidung zu treffen – solange man ihnen das nicht eingeredet hat. Es gibt deshalb zwar Mentalitätsunterschiede, Unruhe und auch Intrigen, aber in der Regel keine Spaltungstendenzen in den Gemeinden.

HK: Beim Aufbau unterschiedlicher Einrichtungen der Rabbinerausbildung wie der dafür notwendigen Jüdischen Studien bemerkt man aber doch immer wieder Querelen …

Brandt: Eine gewisse Konkurrenz existiert und wird weiter existieren. Wenn ein Institut bedacht wird, kann man sicher sein, dass die anderen sofort dasselbe einfordern werden.

HK: Welche Rolle spielen da inzwischen die beiden Rabbinerkonferenzen? Warum braucht es in Deutschland überhaupt sowohl eine Allgemeine als auch eine Orthodoxe Rabbinerkonferenz?
Brandt: Die Spaltung in zwei Konferenzen ist dadurch begründet, dass es inzwischen mehr liberale Rabbiner gibt als früher und einige von ihnen Frauen sind. Auf orthodoxer Seite war man nicht dazu bereit, mit weiblichen Rabbinern an einem Tisch zu sitzen – und wir wollten auf unsere Kolleginnen in der Rabbinerkonferenz nicht verzichten. Deshalb gibt es heute zwei eigenständige, formell nicht kooperierende Gremien, die gleichwohl miteinander Kontakt pflegen. Wir sind inzwischen fast 25 nicht-orthodoxe Rabbiner. Auf orthodoxer Seite gibt es inzwischen auch viele jüngere Kollegen, die mit den gegenwärtigen Herausforderungen gut vertraut sind und sich auch verständlich machen können. In gewissen Bereichen können wir heute gut zusammenarbeiten, was mit den Älteren nicht möglich war. Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit gibt es nun seit ein paar Jahren ein formelles Treffen zwischen den höchsten Repräsentanten der beiden Kirchen und beider Rabbinerkonferenzen. Wir können inzwischen öfters miteinander, wie sich nicht zuletzt bei der Abstimmung angesichts der Auseinandersetzungen um das Beschneidungsurteil gezeigt hat, als wir mehr oder weniger mit einer Stimme gesprochen haben.

„In den Beziehungen zu den Kirchen hat eine revolutionäre Veränderung stattgefunden“

HK: Haben die Rabbinerkonferenzen aufgrund dieser Entwicklung nicht auch die Rolle des Zentralrats der Juden als vormals alleinige Interessenvertretung der Juden in Deutschland verändert?

Brandt: Lange gab es nicht so viele Rabbiner, vor allem kaum nicht-orthodoxe. Ein Grund für diesen Wandel war aber auch die nicht-jüdische Umwelt, die mit allen Fragen immer an den Zentralrat der Juden herangetreten ist. Wenn die Maikäfer husteten, fragte man den Vorsitzenden des Zentralrats, was das zu bedeuten habe: Was sagen die Juden? Das war schon fast krankhaft. Und neben dem evangelischen und dem katholischen Bischof gab es immer – wie beim Pawlowschen Reflex – den Vorsitzenden des Zentralrats. Der Zentralrat ist aber eigentlich eine nicht-religiöse Organisation, die die jüdische Gemeinschaft politisch repräsentiert. Inzwischen werden auch vom Staat oder den Kirchen religiöse Probleme an die Rabbinerkonferenzen adressiert und es wird mit den jüdischen Theologen diskutiert.

HK: Was bedeutet die Aufwertung theologischer Experten für die Beziehungen zwischen Christen und Juden? Wie steht es heute insgesamt um das Verhältnis zu den Kirchen?

Brandt: Ich kann auch hier nicht einfach eine klare Antwort geben. Aber im Großen und Ganzen hat im Kielwasser der Shoa in den Beziehungen zwischen den Kirchen und dem Judentum doch eine revolutionäre Veränderung stattgefunden. Das gilt vor allem für Deutschland. Man muss sich doch nur einmal vor Augen halten, was vor dem Zweiten Weltkrieg in den Kirchen gepredigt und gebetet wurde. Die Erklärung „Nostra aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, aber auch die Erklärungen der Evangelischen Kirche in Deutschland über die Beziehung zum Judentum und zu Israel sind weiterhin bemerkenswert bahnbrechend.

HK: Ist der innerhalb der Christentumsgeschichte geprägte Antisemitismus damit erledigt?

Brandt: Ich bin von Natur aus ein Optimist, glaube aber, dass die Problematik in vielen Kreisen überbewertet wird. Natürlich gibt es auch hier Bremser: Wo die neuen Strömungen im Christentum noch nicht durchgedrungen sind, findet sich auf Seiten von Priestern und Pfarrern wie bei Laien noch ein nennenswerter unterschwelliger Antisemitismus – etwa bei den Pius-Brüdern.

HK: Nicht zuletzt aufgrund der nur quälend langsam vorangehenden Klärungsprozesse mit Blick auf die Rolle der Pius-Brüder hat man das Gefühl, dass die Hochzeit des christlich-jüdischen Dialogs inzwischen vorbei ist.

Brandt: Ja. Aber er konnte auch nicht in dem Tempo weitergehen. Man kann das Konzil nicht einfach wiederholen oder die Kehrtwende der evangelischen Kirche immer wieder und wieder exerzieren. Man hat die großen Eckpunkte gefunden. Jetzt das Kleingedruckte zu bearbeiten, ist mühsam. Es bringt auch die auf den Plan, die mit dem großen Wurf nicht einverstanden oder überfordert waren. Jede extreme Bewegung generiert auch Widerstände. Diejenigen, die damals geschwiegen haben oder überrollt worden sind, melden sich jetzt wieder zu Wort. Es wäre doch ganz unnatürlich, wenn diese Änderungen in den beiden Kirchen, die in vielen Dokumenten zum Ausdruck kommen, nach 2000 Jahren „Vergegnung“ von Judentum und Christentum – wie Martin Buber sagte – ohne jeden Widerspruch sich vollziehen würden. Jetzt geht es um Konsolidierung und die Abwehr von Gegenreaktionen. Hinzu kommt heute, dass die Kirchen viel mehr Probleme zu bearbeiten haben in ihrer Beziehung zum Islam. Damit gerät das christlich-jüdische Gespräch in den Hintergrund. Man mag das bedauern, aber es ist eine Tatsache, dass im christlich-muslimischen Gespräch eine viel größere Spannung steckt. Diese Spannung überträgt sich dann auch auf die anderen Dialoge.

HK: Hat sich zumindest das Thema Judenmission, über das es innerhalb des deutschen Protestantismus schon Ärger gab, erledigt?

Brandt: Mission gegenüber Juden wird ein rotes Tuch bleiben, solange sie existiert. Da gab es im evangelischen Raum bis hin in einzelne Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland gewisse Irritationen, nicht zuletzt weil sie stärker von unten aufgebaut ist und die Institution dann manches Mal nicht konsequent genug reagiert. Viele haben sich aber auch klar positioniert, vor allem auch die Spitze der EKD. In den Beziehungen zur katholischen Kirche hat in diesem Zusammenhang die lateinische Karfreitagsfürbitte des jetzigen Papstes jüdische Augenbrauen hochschießen lassen.

HK: Und wie viel steht mit der verschleppten Entscheidung über den Status der Pius-Brüder innerhalb der katholischen Kirche für dieses Verhältnis auf dem Spiel?

Brandt: Das sind durchaus Dinge, die irritieren. Die neue Karfreitagsfürbitte für den außerordentlichen Ritus war unnötig wie ein Kropf. Dasselbe gilt für das Lavieren mit den Pius-Brüdern. Aber hier gab es ja zum Glück genügend innerchristlichen Widerspruch.

HK: Jüngst wurde in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die Inschrift über Pius XII. geändert. Wie sehr würde eine Seligsprechung dieses Papstes das Verhältnis belasten?

Brandt: Was ich sage, wird mir möglicherweise von jüdischen Brüdern und Schwestern Ärger einbringen: Dieser Problemkreis wird das Schiff auch nicht zum Kentern bringen. Wir wissen, dass es auch in Israel Zweifel an der „großen Schuld“ des Papstes gibt. Möglicherweise hatte er am Ende einen falschen Weg gewählt; aber vielleicht ist es menschlich nachvollziehbar, dass er so gehandelt hatte. Er war kein Antisemit und hat im Gegenteil vielen Juden das Leben gerettet. Möglicherweise hatte sein Schweigen gute Gründe. Man muss ihn jedoch deshalb nicht gleich selig- oder gar heiligsprechen. Der Vatikan wäre, zumal er ja ohnehin alles sub specie aeternitatis sieht, in jedem Fall wohlberaten zu warten, bis die Archive geöffnet sind, und man wirklich weiß, wie und warum dieser Papst so gehandelt hat, wie er es tat. Auch wenn die Politik des Vatikans oft nicht nachvollziehbar ist, sollte man jedoch das Kriegsbeil erst ausgraben, wenn es ans Eingemachte geht. Es hat viele Fortschritte gegeben und Vieles hat sich zum Guten verändert. Jedoch viel ist noch zu tun, dass wir uns es nicht leisten können, über solche Dinge den Faden des Gesprächs abreißen zu lassen.

Dr. Henry G. Brandt (geb. 1927 in München) ist seit 2004 Gemeinderabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg. Seitdem ist er auch Vorsitzender der nicht-orthodoxen Allgemeinen Rabbinerkonferenz. Darüber hinaus betreut er die Jüdische Kultusgemeinde Bielefeld. Abschluss in Wirtschaftswissenschaften (Belfast) und Rabbinerdiplom (London); er war Rabbiner in Leeds, Genf, Zürich, Göteborg, Hannover und Dortmund. Seit 1985 ist er auch jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Dieser Beitrag ist erschienen in: Herder Korrespondenz, 66. Jahrgang (2012), Heft 11, S. 555-560.
Alle Rechte vorbehalten.
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