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"An die kalten Buchstaben des Gesetzes geklammert"

Rabbiner Henry Brandt ist zuversichtlich, dass das umstrittene Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts keine Allgemeingültigkeit erhält - Interview in der Märkischen Allgemeinen

MAZ: Sehen Sie ähnlich wie die Europäischen Rabbiner das jüdische Leben in Deutschland durch das Beschneidungsurteil gefährdet?

Henry Brandt: Die Beschneidung ist ein Grundzug jüdischer Lebenspraxis. Das ist so fundamental, dass wir um keinen Preis bereit sein werden, sie aufzugeben. Ich plädiere aber in der Debatte für Nüchternheit.

Hätten Sie sich gewünscht, dass neben Außenminister Guido Westerwelle auch andere Politiker das Wort für die jüdische Gemeinschaft ergreifen?

Brandt: Ich hätte von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger erwartet, dass sie uns sagt, was sie bereit ist zu unternehmen – statt Ratschläge zu geben, die dem Zentralrat der Juden lange bekannt sind. Ein jüdisches Sprichwort sagt: Mit Ratschlägen bin ich versorgt.

Können Sie sich die Unsensibilität der Richter erklären?

Brandt: Richter sind keine kleinen Götter ohne Fehl und Tadel. Dies ist ein engstirniges Urteil, das weder Geschichte noch gesellschaftliche Auswirkungen berücksichtigt, sondern sich nur an die kalten Buchstaben des Gesetzes klammert. Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass alles, was eine Religion verlangt, zulässig ist. Ich denke an Zwangsheirat oder Mädchen-Beschneidungen. Der Rechtsstaat muss Gültigkeit haben. Wir sind aber überzeugt, die Beschneidung ist mit dem Grundgesetz vereinbar.

Der Zentralrat der Juden hält das Urteil für beispiellos...

Brandt: Gerade die Geschichte der Juden zeigt, dass es oft Versuche gab, durch ein Beschneidungsverbot das Judentum auszulöschen. So vor 2000 Jahren, als die griechischen Syrer dies gegen die Juden in Israel verfügten.

Finden Sie Vergleiche mit dem Schächtungsverbot in der NS-Zeit legitim?

Brandt: Dieses unsägliche Beispiel herbeizuziehen, halte ich für massiv verfrüht. Wir haben es mit einem Urteil des Landgerichts Köln zu tun, das weit davon entfernt ist, bundesweit Gültigkeit zu haben.

Irritiert es Sie, dass eine Mehrheit der Bevölkerung das Urteil gut findet?

Brandt: In der breiten Öffentlichkeit gibt es großes Unwissen. Wichtig ist, dass die Entscheidungsträger – also Politik und Justiz – verstehen, worum es geht. Ich bin zuversichtlich, dass das Urteil keine Allgemeingültigkeit erhält.

Die Kölner Richter argumentieren, Personen müssten selbst über den Eingriff entscheiden können. Sie empfehlen ihn erst bei Jugendlichen...

Brandt: Diese Empfehlung ist unmenschlich. Viele Juden lehnen genau das ab, weil die Beschneidung bei älteren Jugendlichen psychologisch traumatisch sein kann. Bei Neugeborenen hingegen ist es ein relativ kleiner Eingriff.

Mit dem Vorsitzenden der nicht-orthodoxen Allgemeinen Rabbinerkonferenz, sprach Maja Heinrich.
Märkische Allgemeine, 14.07.2012


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