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Staat und religiöse Toleranz

Von Rabbiner Walter Homolka

Seit Wochen gehen in den diplomatischen Vertretungen Österreichs und bei Bundesministerin Claudia Schmied Protestschreiben zum neuen Israelitengesetz ein, das am 3. Mai den Bundesrat passiert hat und nun bald durch Bundespräsident Fischer in Kraft gesetzt werden wird. Die Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner mit ihren 2.000 Mitgliedern gehört ebenso zu den Kritikern, wie die konservative Rabbinerversammlung Europas, die Allgemeine Rabbinerkonferenz des Zentralrats der Juden in Deutschland, die liberalen jüdischen Gemeinden von den Niederlanden bis Südafrika, von Großbritannien und Frankreich bis Australien und die Weltvereinigung für liberales Judentum mit 1.200 Gemeinden, 1,8 Mio Mitgliedern in 45 Ländern. Auch der Internationale Rat der Christen und Juden mahnt Claudia Schmied,  die außenpolitische Brisanz der Entwicklungen ernst zu nehmen. Denn in Österreich wird bald ein Gesetz gelten, mit dem die Republik die Deutehoheit über das Judentum allein der Orthodoxie zuschanzt. Ein starkes Stück, meint die konservative Rabbinerin Gesa Ederberg der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: Sie sei entsetzt, dass die Republik die Diskriminierung liberaler Juden zulasse. Es sei vielmehr die Aufgabe des Staates, eine gleiche Behandlung der verschiedenen jüdischen Strömungen sicherzustellen. Ederberg ist nur eine von mehreren konservativen und liberalen Rabbinerinnen, die gegenwärtig „von Frau zu Frau“ an Claudia Schmied appellieren. Baroness Neuberger, Oberrabbinerin der West London Synagogue und Mitglied des britischen Oberhauses, brachte es in der PRESSE auf den Punkt: Steht es Österreich mit seiner Geschichte wirklich zu, einen Großteil des modernen Judentums zur Sekte herabzuwürdigen? Leider wird die Antwort darauf wohl der Verfassungsgerichtshof finden müssen. Denn Österreichs Politiker wollen den liberalen Juden eine eigene Kultusgemeinde versagen.

Die Furche (Wien), 16.5.2012



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