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Schwächen multireligiöse Feiern den eigenen Glauben?

Zwei Positionen von Rabbiner Henry Brandt und Rabbiner Andreas Nachama


Achtet Gemeinsames

Von Rabbiner Henry Brandt

Natürlich plädiere ich für interkonfessionelle Gottesdienste. Dennoch aber möchte ich betonen, dass sie nicht unter allen Umständen stattfinden sollen oder gar vertretbar seien. Eine solch komplexe Frage lässt sich nicht mit einem eindeutigen „Ja“ oder „Nein“ beantworten.
Unter bestimmten Bedingungen und auch zu bestimmten Anlässen kann eine interkonfessionelle Feier nicht nur möglich, sondern durchaus wünschenswert sein. Es ist doch auch kein Geheimnis, dass gemeinsame Gottesdienste, oder wie auch immer man sie offiziell nennen mag, schon seit Jahrzehnten praktiziert werden. Die „Woche der Brüderlichkeit“ bei der ich selbst einige solcher Gottesdeinste leitete, mögen als Beispiel genauso dienen wie die ökumenischen Feiern anlässlich des Deutschen Katholikentages. Und wenn ich von besonderen Anlässen spreche, die wir voraussetzen sollten, so denke ich dabei beispielsweise an gemeinsame Friedensgottesdienste oder Gedenkfeierlichkeiten. Was wäre denn auch gegen den Gottesdienst von Juden, Christen und Muslimen einzuwenden gewesen, der im Gedenken an die Opfer kurz nach den Attentaten auf das World Trade Center am 11. September in der Washingtoner Kathedrale abgehalten wurde? Was wäre gegen jegliche Form von Gedenkfeiern beispielsweise nach einem Unglück einzuwenden, an der Geistliche und Gläubige verschieder Religionen teilnehmen und mitwirken?
Der besondere Anlass ist die eine Voraussetzung für einen solchen Gottesdienst. Die andere ist eine gemeinsam erarbeitete spezielle Liturgie. Sie muss darauf achten, dass keiner der Teilnehmer verletzt oder in Bedrängnis gebracht wird. Angesichts des Reichtums liturgisch und religiös geprägter Texte in den verschiedenen Religionen sollte diese Bedingung wirklich kein großes Hindernis darstellen.
Diese beiden Voraussetzungen aber –der besondere Anlass und die gemeinsam erarbeitete Liturgie – garantieren auch, dass eine „Verwässerung“ der jeweils eigenen Religion nicht stattfinden kann. Wir sind uns doch über die theologischen Unterschiede zwischen den Religionen im Klaren. Wir wissen doch auch, dass einige der Unterschiede nicht überbrückbar sind. Wir würden für eine gemeinsam gestaltete Liturgie keine Texte wählen, die sich ausdrücklich und ganz auschließlich auf Israel beziehen. Gleichermaßen würden wir keine Texte aus dem Neuen Testament wählen, die für Juden inakzeptabel sind. Was Lesungen oder Gebete aus dem Neuen Testament auch für Juden keineswegs ausschließt. Sofern sie während des Gottesdienstes entsprechend erklärt und ausgelegt werden
Mir kommt es aber gar nicht so sehr auf die theologischen Aspekte des multikonfessionellen Gottesdienstes an. Und selbst hier können wir uns auf Gemeinsamkeiten einigen. Keine der monotheistischen Schriftreligionen verneint die absolute Einheit Gottes, Schöpfer alles Existierenden und Quelle unseres Seins. Keine behauptet, ihn in seinem Wesen begreifen zu können. Bestimmt ist er kein „Buchhalter-Gott“, der akribisch all unsere Taten und Regungen festhält und vergibt. Trotzdem lehren Judentum, Christentum und Islam gleichermaßen, dass Gott die Schicksale der Menschen nicht in jeder Einzelheit, aber in großen Zügen und im Rahmen seiner Schöpfung lenkt. Trotz dieser Gemeinsamkeit wird oft behauptet, dass wir Gott ausschließlich im Kontext unserer eigenen Glaubensgemeinschaft im Gebet ansprechen können. Als Grund werden die unterschiedlichen Gottesbilder angeführt, welche die gedankliche Stoßrichtung unserer Gebete bestimmen. Im Judentum die Berufung Israels, der Bund und die Tora; im Christentum das trinitarische Verständnis der Gottheit.
Im Rahmen der vorgeschriebenen Liturgie mag das durchaus stimmen und deshalb ist es für einen Juden grundsätzlich unmöglich, sich in einem christlichen Gottesdienst aktiv einzubringen und umgekehrt. Aber mir geht es eben nicht so sehr um die theologischen Unterschiede, die wir ohnehin anerkennen, sondern um die Gemeinsamkeiten unter den Menschen. Alle Menschen, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, hegen ähnliche Sorgen und Hoffnungen. Und gelegentlich haben sie das Bedürfnis, diese in gemeinsamer Sprache und menschlicher Nähe vor Gott zu tragen.
Dies sollte auch gemeinsam geschehen und nicht in dem oft gelobten, so genannten Kompromissmodell von Assisi. Hier nämlich würde eine religiöse Gruppierung das Gebet sprechen und die andere schweigend, oder gar in einem anderen Raum versammelt, zuhören. Damit wird zu Verstehen gegeben, dass ein gemeinsamens Beten nicht möglich sei. Mir erscheint das als eine Verengung des Gottesverständnisses. Denn hier werden unsere innergesellschaftlichen Ausgrenzungen widergespiegelt. Darin vermute ich einen Anflug von Heuchelei, Arroganz, Besserwisserei und Hybris.

 

Achtet die Grenzen

Von Rabbiner Andreas Nachama

„Am 31. Dezember 2000 fand erstmalig ein evangelischer Silvestergottesdienst im Berliner Dom statt, an dem auch Vertreter anderer Religionen beteiligt waren. Neben dem evangelischen Bischof Wolfgang Huber sprachen der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Andreas Nachama, Jürgen Manshardt vom tibetisch-buddhistischen Zentrum sowie die Muslimin und Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz“, meldeten sei- nerzeit die Nachrichtenagenturen. Dabei handelte es sich nicht um einen gemeinsamen Gottesdienst, sondern um einen christlichen, bei dem die nichtchristlichen Vertreter Gäste waren. Keiner konnte auf den Ge- danken kommen, die muslimischen, jüdischen oder buddhistischen Gebetsgesänge, Lesungen und Wortbeiträge seien mehr als Grüße aus anderen Welten. Weder die Christen noch deren Gäste mussten zu allem Ja und Amen sagen. Gegen ein freundliches Zusammentreffen verschiedener Gemeinden derselben Religion oder mit Gästen anderer Religionsgemeinschaften hat sich der Kölner Kardinal Meisner mit seiner Richtlinie für katholische Religionslehrer, die viel Widerspruch herausgefordert hat, auch gar nicht gewandt. Ihm geht es um „multireligiöse Feiern“ in Schulen. Da das „Gottesbild nichtchristlicher Religionen“ nicht mit dem katholischen übereinstimme, könne „jede Gemeinschaft nur allein zu ihrem Gott beten. Geschieht das gemeinschaftlich, muss die jeweils andere Gruppe schweigend dabeistehen.“ Dies sei Jugendlichen, die in ihrem Glauben noch nicht gefestigt seien, nicht zuzumuten. Auch andere gemeinsame Aktivitäten mit Sakralcharakter folgen diesem Schema.
Natürlich gibt es zwischen Juden und Christen Gemeinsames: Man kann etwa am Israel-Sonntag Psalmen gemeinsam auf deutsch lesen oder auf hebräisch singen, wie etwa Psalm 133, Vers 1: „Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander sitzen.“ Aber das ist noch lange kein traditioneller Gottesdienst. Zwar kann der christliche Besucher eines jüdischen Gottesdienstes das Schma Israel als Ausspruch Jesu von Nazareth „Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr“ aus dem Markusevangelium 12,28 wiedererkennen. Doch letztlich führt kein Weg an der Feststellung von Kardinal Meisner vorbei, dass christliches und jüdisches Gottesverständnis sich an dem jüdischen Konzept „Er ist unser Gott, keiner sonst!“ trennen. Anders als in der Ökumene, die zwei durch die Reformation voneinander getrennte Zweige des gleichen Baumes zusammenführen will, kann und soll es eine Union der verschiedenen Religionen nicht geben. Bei diesen handelt es sich, um im Bild zu bleiben, um unterschiedliche Bäume – vielleicht alles Obstbäume. Jeder sucht seinen Weg zu Gott, in seiner Tradition. Dass meine Synagoge in Berlin-Zehlendorf zur protestantischen Nachbargemeinde, die in der Tradition der Bekennenden Kirche steht und in der Vordenker des christlich-jüdischen Dialogs wie Niemöller, Gollwitzer und Marquardt ihren Platz hatten, engen Kontakt pflegt und gemeinsam mit ihr ein Chanukkakonzert zu ihrem 75-jährigen Bestehen veranstaltet oder umgekehrt Mitglieder dieser Gemeinde in freundschaftlicher Verbundenheit unsere Synagoge besuchen, bewegt sich in eben diesen von Meisner umrissenen Grenzen. Toleranz bedeutet nicht die Vermischung verschiedener Religionen. Wie Kurienkardinal Walter Kasper, der im Vatikan für den Dialog mit anderen Religionen zuständig ist, treffend formuliert: Vermischung „verleugnet nicht nur den eigenen Glauben, sondern veranlasst auch den Anderen, seinen Glauben zu verleugnen.“ Dass man sich begegnet, dass man dem anderen Weg den Respekt entgegenbringt, den ein so wichtiges Anliegen wie das ehrliche Suchen nach dem Unsichtbaren verdient, dass man nach Gemeinsamkeiten sucht und sie in der Erhaltung der Schöpfung, im Streben nach Frieden und in gegenseitiger Brüderlichkeit findet, ist für dieses Jahrhundert Aufgabe genug: Wir sollten getrennte Gottesdienste feiern, aber gemeinsam für eine bessere Welt handeln.

Wiederabdruck mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen, dort erschienen am 4.1.2007.

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