hauptmotiv

Ewiges Dennoch

Zum 100. Geburtstag von Rabbiner Nathan Peter Levinson s. A.

von Rabbiner Andreas Nachama

Diesen Herbst jährt sich der Geburtstag von Prof. Dr. Nathan Peter Levinson s. A. zum 100. Mal. Er war der letzte deutschsprachige Rabbiner seiner Generation, der tatsächlich noch jene Mischung aus höchster wissenschaftlicher Gelehrsamkeit, aus aufgeklärter akademischer Liberalität und jüdisch-traditionellem Wissen darstellte, für das die deutsch jüdische Rabbinergeneration um Leo Baeck stand. Am 23. November 1921 als Peter Lewinsky in Berlin geboren, begann er 1940 sein Rabbinatsstudium an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und konnte Deutschland noch 1941 verlassen. Er wurde dann am Hebrew Union Col lege in Cincinnati ordiniert. Levinson verkörperte jenes „ewige Dennoch“, von dem Leo Baeck immer gesprochen hat. 1950 wurde er von der World Union for Progressive Judaism nach Berlin entsandt. In seiner ersten Predigt in der Synagoge in der Pestalozzistraße befasste er sich mit dem Priestersegen: „Ich gab der Hoffnung Ausdruck, dass wir wieder mit Vertrauen gesegnet sein mögen. Vertrauen zu Gott, zu unseren Nebenmenschen und zu uns selbst.“
1953 verließen Nathan P. Levinson und seine Frau Helga Berlin; er hatte sich mit dem Gemeindevorsitzenden Galinski überworfen und ging zurück in die USA, wo er an einem Lehrgang zur Ausbildung zum Militärrabbiner teilnahm. Er wollte anschließend eigentlich nach Berlin zurückkehren, wurde dann aber 1955 als Militärrabbiner nach Japan geschickt. Es schloss sich eine Tätigkeit als Militärrabbiner in Ramstein an. 1961 schied Levinson aus dem Armeedienst aus. Er ließ sich in Heidelberg nieder und wurde Rabbiner im benachbarten Mannheim. 1964 wurde er zum Landesrabbiner von Baden befördert. Gleichzeitig betreute er die jüdischen Gemeinden in Hamburg und Schleswig-Holstein und wurde 1964 Vorsitzender der bundesdeutschen Rabbinerkonferenz. Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Europa, insbesondere in Deutschland, war ihm ein Herzensanliegen. Zusammen mit seiner zweiten Frau Pnina Navè engagierte sich Rabbiner Levinsons für die Gründung der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, die dann aber aus seiner Sicht nicht die Aufgabe erfüllte, die ihr gestellt war, nämlich Rabbiner, Kantoren, Religionslehrer und Kultusbeamte auszubilden. Er selbst hat es immer verstanden, von der Tradition zu lernen und aus ihr heraus zu lehren, hat aber zugleich zu keiner Zeit verleugnet, dass wir 250 Jahre nach der Aufklärung leben. Diese Spannung, diese Brüche hob er mit den ihm eigenen unnachahmlichen Gedankengängen auf, die aber immer nachvollziehbar blieben.

Nathan Peter Levinson wirkte nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, sondern war auch ein Pionier im christlich-jüdischen Dialog, dessen Wiederbeginn in Deutschland untrennbar mit seinem Namen verbunden ist: Ab 1965 war er für fast 20 Jahre jüdischer Präsident des Deut schen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. 1976 wurde er zum Präsidenten des Internationalen Rates der Christen und Juden gewählt.

1985 trat Levinson in den Ruhestand und starb am 27.10.2016 in Berlin; er fand seine letzte Ruhestätte in der Ehrenreihe des Jüdischen Fried hofs in Berlin-Weissensee. Seine Autobiografe "Ein Ort ist, mit wem du bist. Lebensstationen eines Rabbiners" (Berlin 1996) ist ein anschauliches Lebenszeugnis. In der Chanukka-Ausgabe unseres Mittelungsblattes werden wir das Werk und die Wir kung von Rabbiner Nathan Peter Levinson ausführlich würdigen.

ARK-Mitteilungsblatt Nr. 8, Rosch Haschana 5782 / 2021



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