hauptmotiv

Wer jetzt keine Hütte hat…

Richtige Freude kommt nur mit Sukka und Lulav auf

von Rabbinerin Yael Deusel

„Wer die jubelnde Freude beim Wasserschöpffest nicht gesehen hat, der hat sein Lebtag noch keinen Freudenjubel gesehen.“ So beschreibt die Mischna das Fest des Wasserschöpfens an Sukkot zur Tempelzeit, und sie berichtet von beinahe märchenhaft anmutender Pracht und ausgelassenem Feiern. Von der Wasserprozession, der Zeremonie im Tempel, von der Musik und von den Nächten, die von Freudenfeuern erhellt waren. Vergangene Pracht, vergangene Freuden; denn „wer den Tempel nicht gesehen hat, als er noch stand, der hat seiner Lebtag kein prächtiges Gebäude gesehen“, so fährt die Gemara fort, wobei bereits die tiefe Trauer über den Verlust all dessen die Zeilen durchdringt. Ein unvorstellbar grandioses Fest muss das gewesen sein, Sukkot zur Tempelzeit! Und doch war es nicht immer so. Sukkot und das damit verbundene Wohnen in Hütten bezeichnet an sich ja eigentlich das Gegenteil von Pracht. Immer war es jedoch Gegenstand von Freude. Ursprünglich war Sukkot ein Erntefest, Chag haAssif, begründet in der Tora als das Fest zu der Zeit, „wenn du einsammelst von deiner Tenne und deiner Kelter“ (5. Buch Mose 16,13). Die Jahresernte ist glücklich eingebracht, jetzt ist es an der Zeit, nach der harten Arbeit zu feiern und dem Ewigen zu danken für Seine guten Gaben. Nur wer mit der Landwirtschaft vertraut ist, kann ermessen, wie sehr der Bauer abhängig ist von Sonne und Wind, Tau und Regen zur richtigen Zeit, erst recht in Israel, wo der Segen von Ackerboden und Weinberg steht und fällt mit einer ertragreichen Regenzeit im Winter. Wohl beten wir täglich im Kriat Schma: „Dann werde Ich den Regen eures Landes geben zu seiner Zeit, Frühregen und Spätregen, und du wirst dein Getreide einsammeln und deinen Most und dein Öl“. Aber schon längst ist den meisten nicht mehr bewusst, um welches lebenswichtige Gut es dabei geht. Die Menschen damals wussten es sehr wohl; und es waren nicht von ungefähr die behelfsmäßigen Hütten der Erntehelfer, die am Anfang der Festtradition standen. Schon damals mischte sich in das Feiern nach der Erntearbeit auch der Dank an den Ewigen, und das Vertrauen in Seine Hilfe: Regen und Sonne jeweils zur rechten Zeit, im rechten Maße; Fernhalten des Ungeziefers von Feld und Weinberg – und der Krankheiten von Mensch und Vieh. „Bitachon“, Vertrauen in den Ewigen, zusammen mit dem Erntedank und der Bitte an den Ewigen, auch künftig für das Wohl der Menschen zu sorgen – das sind von jeher die Motive von Sukkot. Im Lauf der Zeit überragte der religiöse Aspekt dann zunehmend das bäuerliche Erntefest, und Sukkot wurde zum Hochfest im Tempel. Der Erntedank wird sichtbar in unserem Feststrauß, dem Lulav: Etrog, eine prächtige Zitrusfrucht; Lulav, ein noch geschlossener Palmwedel; Hadassim, drei Zweige vom Myrtenbaum; Aravot, zwei Bachweidenzweige; daraus besteht unser Lulav, damals wie heute. Alle diese Pflanzenarten wachsen nur dort, wo viel Wasser vorhanden ist. Heute ist der Lulav ein beinahe abstraktes Symbol, damals war seine Bedeutung ganz konkret: Danke, Ewiger, für die Fülle des Wassers, die Du uns gegeben hast, damit wir eine gute Ernte einbringen konnten, und dass sogar diese Pflanzen unseres Feststraußes gediehen sind. Pflanzen, die wir zum Leben eigentlich gar nicht unbedingt brauchen: Danke, Ewiger, für das Lebensnotwendige, und auch für diesen Überfluss. 

Ein Dank – und zugleich eine herzliche Bitte: Lass es doch auch im neuen Jahr wieder so gut werden; lass es reichlich regnen, damit der Grundstock für die nächste Ernte gelegt wird. Lass es regnen – diese Bitte wird manifest im Gebet um Regen, Tefilat ha-Geschem, am Tag des Schlussfestes, an Schemini Azeret. Einst goss man Wasser in Strömen über den Altar als Opfer für den Ewigen, zusammen mit dem Weinopfer, auch hier Dank und Bitte zugleich. Und im gleichen Sinn schüttelte man – und tut es noch – den Lulav zum Hallel-Gebet: Hoschiana! Gerade die zeitliche Nähe zu den Hohen Feiertagen macht deutlich, dass der Ewige uns König und Vater ist, Avinu Malkenu, und dass Er es ist, der uns erhält. Und wie wir uns im Tefilat ha-Geschem an den Ewigen und gleichzeitig auch an unsere Erzväter erinnern, so erinnern uns die armseligen, provisorischen Hütten seit vielen Jahrhunderten an die Zeit der Wüstenwanderung, als die Kinder Israel nach ihrer Befreiung aus Ägypten 40 Jahre unterwegs waren in
das ihnen versprochene Land und sie der Ewige auf dieser Wanderung schützte und ernährte. Die Botschaft der Hütten besteht in „Bitachon“, Vertrauen in den Ewigen auf unserem ganz persönlichen Lebensweg. Und so soll auch das alljährliche Wohnen in den Hütten uns herausholen aus unserem Alltag und aus unserer selbstgefälligen Vorstellung, wir vermöchten alles aus eigener Kraft. Auf diese Weise wird uns nachhaltig verdeutlicht, dass es immer noch der Ewige ist, der uns auf unserem Weg führt, und dass ohne Seinen Segen und Seine Hilfe nichts gelingen kann. Die menschliche Selbstüberschätzung ist dabei durchaus kein Phänomen der heutigen Zeit. Berichtet doch bereits der Talmud von Choni, dem Kreiszieher und seinem Regengebet. Schimon ben Schetach rügte Choni, weil dieser sich erdreistet hatte, durch sein persönliches Gebet Regen fallen und auch wieder versiegen zu lassen. Choni wollte aber gewiss nicht überheblich sein, und schon gar nicht wollte er den Ewigen verspotten. Ob die Menschen damals verstanden haben, was er ihnen eigentlich sagen wollte, nämlich: „Schaut her, was passiert, wenn der Ewige für jeden individuell das Wetter macht“? Das gäbe wohl ein gewaltiges Chaos! Und so beten wir zwar zum Ewigen um Erfüllung unserer Bitten, setzen aber hinzu: „Zum Segen, nicht zum Fluch! Zur Fülle und Sättigung, nicht zum Mangel! Zum Leben, nicht zum Tod!“ „Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall“, sagt das Sprichwort. Der eine, den die Dürre bedroht, bittet um Regen; der andere, den die Flut bedroht, darum, dass der Regen aufhöre. So ist es sinnvoll, eine Sukka auch in der Diaspora und gerade auch in unseren Breitengraden zu bauen, wo es an Sukkot oft schon sehr kühl und regnerisch ist. Dies beinhaltet eine weitere Botschaft, nämlich sich bewusst zu werden, dass unterschiedliche Menschen ununterschiedliche Bedürfnisse haben. Allerdings ist dieser Gedanke auch den Menschen im damaligen Israel nicht so ganz fremd gewesen; weshalb sonst hätte man das allgemeine Gebet um Regen ein wenig verschoben, bis man davon ausgehen konnte, dass auch die Menschen zu Hause angekommen waren, welche zum Wallfahrtsfest den weitesten Weg nach Jerusalem hatten? Die Berechnungen bezogen sich dabei allerdings auf die Bewohner Israels, selbst wenn der Prophet Secharja davon spricht, dass auch die anderen Völker an Sukkot zum Tempel nach Jerusalem wallfahren. Die Aussagen des Propheten weisen hier wohl eher auf die Zeit der Erlösung hin, auf den Tag, an dem alle Völker erkennen, dass der Ewige Herrscher über die ganze Erde ist, den Tag, an dem Er der Eine, Einzige ist, und Sein Name der einzige. Nicht ohne Grund bringt der Prophet jenen Tag ausgerechnet mit Sukkot, der Zeit unserer Freude, Sman simchatenu, in Verbindung. Sukkot – ein Erntefest, erfüllt von frohem Dank; ein Freudenfest im Tempel, gerade nach den ernsten Tagen der Ehrfurcht, den Jamim Noraim; ein Fest voller Pracht und Ausgelassenheit. Ein Fest, so groß und bedeutend, dass man es einfach nur „das Fest“ nannte. Und was ist aus diesem Fest geworden? Der Tempel ist vergangen; das Land Israel ging verloren, das Volk lebte so viele Jahrhunderte in der Diaspora. Die ausgelassene Freude ist einem ernsteren Festcharakter gewichen, geprägt eher von der überwältigenden Trauer über das Verlorene als von überschäumender Festtagsfreude. Nun, der Staat Israel ist neu erstanden; doch auch dort hat Sukkot längst nicht mehr den Charakter von einst – wenn auch diejenigen, welche den Boden in Israel bebauen, dem ursprünglichen Sinn des Festes nahekommen. Und wir in der Diaspora? Besteht Sukkot für uns lediglich im Bauen von Hütten, welche noch dazu vom Herbstregen gleich wieder zerstört werden, und in einem eher ernsten Gottesdienst in unserer Synagoge, noch dazu nach den vielen langen Gottesdiensten während der Jamim Noraim? Manche Leute bauen gar keine Sukka – und erst das Erwerben eines Lulav: Da sieht es ganz ähnlich aus! Was fehlt uns denn? Die Freude fehlt uns, die Freude an unserem Fest. Sicherlich ist der Tempel zerstört; sicherlich wallfahren nicht mehr alle Männer Israels zu Sukkot nach Jerusalem. Und doch, besinnen wir uns darauf, was Sukkot bedeutet: Erntedank, Bitte um des Ewigen Hilfe und Vertrauen auf Ihn. Haben wir etwa nichts, wofür wir dem Ewigen danken können? Freuen wir uns über das Gute, das Er uns hat erleben lassen, und teilen wir diese Freude mit anderen! Laden wir Nachbarn und Freunde in unsere Sukka ein, feiern wir zusammen. Es muss ja nicht so ausgelassen sein wie einst in Jerusalem zur Tempelzeit. Vor allem aber: Holen wir das Fest aus der Vergangenheit heraus in die Gegenwart, in unsere Gegenwart hinein. Nur dann kann es wieder zu einem echten „Sman simchatenu“, einer Zeit der Freude, für uns werden!

Dieser Beitrag ist erstmals am 20. September 2013 in der Jüdischen Allgemeine erschienen.
Nachdruck im Mitteilungsblatt der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, 8. Ausgabe, Rosch Haschana 5782/ 2021.



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