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Rosch Haschana

"Frieden leben lernen"

Schalom ist nicht nur eine juristische Frage, sondern auch eine des Verzichts auf das bloße Recht

von Rabbiner Andreas Nachama

Vor 5780 Jahren wurde die Welt geboren. Wir hoffen und beten, dass diese unsere Welt zu einem Ort wird, an dem alle Menschen, auch die, die jenseits unserer Grenzen leben, in Schalom leben können.
Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass der Deutschland, ja Europa - in gewisser Weise die Welt - teilende "Eiserne Vorhang" in sich selbst zerbröselt und zerfällt und ein geeintes Europa friedlich entsteht.
Frieden ist für das Wort Schalom nur eine blasse Übersetzung. Das deutsche Wort Frieden kommt vom "einfrieden" - einzäunen. Schalom kommt von Schalem, dem Ganzen. Dabei geht es nicht nur um starke Grenzen, sondern auch darum, was dahinter geschieht. Nur wenn der Nachbar auch mit den Zweigen meines Obstbaums, die über den Zaun ragen, leben kann, werden wir "in Frieden" leben können, egal wie eindeutig die Rechtslage sein mag.
Beim Schlussvers des Schmone Esre, des Achtzenbittengebets, und des Kaddisch treten wir drei Schritte zurück: Unsere Tradition sagt. wer Frieden haben will, muss auch Positionen aufgeben, zwei, drei Schritte zurückgehen können. Den ganzen Monat Elul hindurch haben wir im Morgengottesdienst den Klang des Schofars gehört, um uns aus dem täglichen "Weiter so" aufzuwecken, unsere Übertretungen Gott gegenüber einzustellen und um unsere unfriedlichen Akte gegenüber unseren Mitmenschen zu überdenken, möglichst wiedergutzumachen. Was wir bis Rosch Haschana noch nicht weggeräumt haben, bleibt uns dann noch in den letzten zehn Tagen der Umkehr oder hilfsweise sogar am Jom-Kippurtag selbst.
Wir beten in diesen Tagen von Rosch Haschana bis Jom Kippur: "In das Buch des Lebens, des Segens, des Friedens und des guten Einkommens mögen wir bedacht - und vor dir - eingeschrieben werden, zu glücklichem Leben und zum Frieden!" Und wir hoffen und beten auf "Schalom Al Israel" - Frieden für und um Israel! Wir beten auch 5780 Jahre nach der Schöpfung, dass es uns Menschen gemeinsam gelingen wird, sie zu erhalten.
Wir beten, dass auch in dem Land, in dem wir wohnen, es denen, denen das Volk Autorität gegeben hat, gelingt, Frieden im Inneren wie im Äußeren zu erhalten und zu festigen, damit jeder sich in diesem Land frei bewegen kann, ob er Hut oder Kippa trägt, ob er Hebräisch, Jiddisch oder sonst eine Sprache spricht.

L'Schana towa tikatewu - für ein gutes Jahr mögen alle, die diese Zeilen lesen, und alle, die für eine Welt des Friedens wirken, eingeschrieben werden!

Rabbiner Andreas Nachama
Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK)

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